Ausstellung ANATOMY OF PRESENCE

 

ANATOMY OF PRESENCE
Vivian Caccuri. Lucia Koch. Henrique Oliveira
27.09.2026–18.07.2027
Kuratiert von Dr. Svenja Frank und Jérôme Sans

Das SCHAUWERK Sindelfingen präsentiert monumentale Installationen der drei international erfolgreichen brasilianischen Künstler:innen Vivian Caccuri, Lucia Koch und Henrique Oliveira. Eigens für das SCHAUWERK Sindelfingen sind neu konzipierte, großformatige Werke entstanden, die rund 3000 m² des Museums transformieren: von begehbaren organischen Strukturen über eindrucksvolle Klangwelten bis hin zu immersiven Lichtinstallationen. Die von Dr. Svenja Frank und Jérôme Sans kuratierte Ausstellung bringt aktuelle Strömungen zeitgenössischer brasilianischer Kunst zusammen.

In der Ausstellung werden drei brasilianische Künstlerinnen und Künstler präsentiert: Vivian Caccuri, Lucia Koch und Henrique Oliveira. Alle drei setzen sich mittels unterschiedlicher, aber sich ergänzender Ansätze mit Raum, Klang und Materialität auseinander. Mit ihren Arbeiten führen sie einen generationenübergreifenden Dialog verschiedener künstlerischer Formensprachen, deren Gemeinsamkeit die Untersuchung von Körperlichkeit, Wahrnehmung und kollektiven Erfahrungen ist. Damit reflektieren sie auch die Komplexität der kulturellen Landschaften Brasiliens: Natürliches und Konstruiertes, Improvisation und Struktur koexistieren dort in einem beständigen Spannungsverhältnis. Alle drei Künstler:innen beziehen sich auf je eigene Weise auf die besondere Energie ihres Heimatlands – eines Ortes der Konfrontationen und Reibungen, der anarchischen Stadtentwicklung und Stromversorgung, temperamentvoller Musik und üppiger Natur. Sie stehen in einer Tradition der Installationskunst, die sich in Brasilien seit den 1960er Jahren als eigenständige Form entwickelte, geprägt von modernistischen Einflüssen, kultureller Vielfalt und einer besonderen Unmittelbarkeit in der physischen Wahrnehmung.

In einer Welt, die von digitalen Medien und virtuellen Interaktionen bestimmt wird, in der Erfahrungen oft durch einen Bildschirm gefiltert werden, setzt die Ausstellung einen deutlichen Kontrapunkt. Sie lädt die Besucher:innen dazu ein, ihren eigenen Körper wieder als Ort des Wissens und der Beziehungen zu begreifen. Präsenz bedeutet hier nicht nur, an einem realen Ort zu sein, sondern ist außerdem ein Zustand erhöhter Aufmerksamkeit – ein Bewusstsein für Schwingungen, Nähe und Emotionen.

Vivian Caccuri (*1986 in São Paulo) hat für das SCHAUWERK die skulpturale Soundinstallation Overheated System entwickelt, die von den improvisierten Arrangements von Strom- und Datenkabeln in brasilianischen Städten inspiriert ist. Diese Kabel sind eine Metapher für den Erfindungsreichtum bei der Beschaffung von Elektrizität sowie ein Symbol sozialer Ungleichheiten. Caccuri untersucht, inwieweit Wahrnehmung kulturell geprägt ist und zugleich auf unmittelbaren Resonanzen des Körpers beruht. Aus übereinander gestapelten Lautsprechern aus Beton erklingen tieffrequente Rhythmen. Die Klänge der Installation werden direkt aus dem elektronischen Strom des Gebäudes gewonnen und in einen eigens für die Installation entwickelten modularen Synthesizer eingespeist. Diese Maschine verwandelt Spannung in Klang und erzeugt Rhythmus und Bewegung. Diese werden als Vibration körperlich erfahrbar, während ihr Schalldruck Kerzenflammen vor den Lautsprechern in Bewegung versetzt. Zugleich greifen mit Ash Fossil I und II zwei bestickte und bemalte Tapisserien aus Moskitonetzen die Signale des Synthesizers visuell wie ein Sonogramm auf. Im Zusammenspiel von Rhythmus, Schaltkreisen, Verbrennung und Wahrnehmung entsteht so ein energetisches Gefüge, das zwischen Kontrolle und Instabilität oszilliert.

Lucia Koch (*1966 in Porto Alegre) untersucht mit Licht, Farbe und architektonischer Intervention räumliche Wahrnehmung. In der Ausstellung verwandelt sie das 15 Meter hohe ehemalige Hochregallager mit Farbfolien und Lichtprojektionen in eine immersive Licht- und Farbinstallation. Die projizierten Farbflächen in Gang of Four (Runners) erscheinen wie bewegte Schatten, die in einer von der Künstlerin entwickelten Choreografie einen kontinuierlichen Farbverlauf bilden und den Raum permanent transformieren. Koch macht die flüchtige Präsenz der Menschen in dieser sich ständig wandelnden Umgebung sichtbar. Für Big Loop versieht sie die Deckenleuchten entlang des umlaufenden Aufgangs mit handgefertigten farbigen Gelhüllen. Die daraus entstehende Abfolge unterschiedlich kolorierten Lichts lässt Besucher:innen darin eintauchen und sich beim Bewegen entlang der Rampen wie ein Text „lesen“. Damit greift die Arbeit die Idee einer Sprache aus Farben auf, die die Künstlerin schon länger beschäftigt. Am gläsernen Eingang des Museums schuf Koch unter dem Titel Atmosphere Box einen farblichen Grenzbereich zwischen Sonnenaufgang und -untergang. Changierend zwischen Morgen- und Abenddämmerung wird der Raum zu einer zeitlosen Zwischenzone, in der sich die eigene Wahrnehmung verunklart.

Henrique Oliveira (*1973 in Ourinhos, São Paulo) entwickelt für das SCHAUWERK eine zentrale Installation von architektonischem Ausmaß. Burned Bridges, Eternal Return breitet sich wie ein rätselhafter, lebendiger Organismus im Museum aus. Die geschwollenen, wurzelartigen Formen wachsen aus Boden und Wänden und scheinen in ihrer dominanten physischen Präsenz fast das metallische Gerüst der ehemaligen Produktionshalle zu sprengen. Der Künstler erinnert so an die Kraft der Natur, die ihren Raum zurückfordert und sich von nichts dauerhaft aufhalten lässt. In ihrem Inneren umschließt die Installation einen kleineren Ausstellungsraum, in dem Oliveira eine weitere Arbeit präsentiert. Besucher:innen können sich durch die angeschwollene Struktur wie in einer Höhle bewegen. Der Künstler verwendet für seine Arbeiten Sperrholz und Tapumes, die als Material oft auf Baustellen oder in den Armenvierteln Brasiliens zum Einsatz kommen. Oliveira greift den Gedanken Friedrich Nietzsches über die „Ewige Wiederkehr des Gleichen“ auf, das zyklische Zeitverständnis, in dem jedes Ereignis, jede Entscheidung und jede Erfahrung unaufhörlich wiederkehrt: Bäume werden in industrielles Sperrholz verwandelt, das dann auf Baustellen zum Einsatz kommt. Nachdem es dort weggeworfen wurde, wird es zu einem urbanen Baumaterial, um schließlich in eine Skulptur verwandelt zu werden.

Ein Ausstellungskatalog erscheint im Dezember 2026 im Sandstein Verlag.

Eröffnung: Sonntag, 27.09.2026, 11:30 Uhr. Eintritt frei!

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