Tokenisierung: Eurosystem schaltet Pontes im dritten Quartal 2026 frei – tokenisierte Wertpapiere lassen sich dann in Zentralbankgeld abwickeln

Die Abwicklung tokenisierter Wertpapiere in Zentralbankgeld soll im Herbst 2026 den Regelbetrieb erreichen. Nach Angaben der Europäischen Zentralbank (EZB) vom 11. März 2026 wird Pontes, die Lösung des Eurosystems auf Basis der Distributed-Ledger-Technologie (DLT), im dritten Quartal 2026 eingeführt und verbindet Marktplattformen mit den TARGET-Diensten für die Abwicklung. Laut einer Mitteilung von Clearstream vom 17. August 2026 ist der Start für den 21. September 2026 angesetzt; der Zentralverwahrer testet vorab Konnektivität und Abwicklungsprozesse. Tokenisierung bezeichnet dabei die Abbildung eines Vermögenswerts als digitalen Token in einem DLT-Netzwerk, in dem Programme Zahlungen und Übertragungen auslösen können. Wie solche Programme Geschäftsprozesse steuern, beschreibt ein Beitrag über Smart Contracts und ihre Rolle in Geschäftsprozessen.

Wie das Eurosystem tokenisierte Transaktionen in Zentralbankgeld abwickelt

Pontes bietet zwei Wege für die Geldseite einer Transaktion. Nach Angaben der Europäischen Zentralbank können Marktteilnehmer entweder auf einer DLT-Plattform des Eurosystems mit Cash-Token abwickeln oder den Geldbetrag über T2 begleichen, das Echtzeit-Bruttoabwicklungssystem des Eurosystems. Die endgültige Abwicklung in Zentralbankgeld gilt als erreicht, sobald die Transaktion in T2 abgeschlossen ist. Lieferung gegen Zahlung und andere Geschäfte, die nur vollständig oder gar nicht ausgeführt werden dürfen, sichert ein Protokoll namens Hash-Link ab.

Zugelassen sind zum Start nur beaufsichtigte Akteure. Laut der EZB können Zentralverwahrer, Betreiber von Abwicklungssystemen unter dem europäischen DLT-Pilotregime, zentrale Gegenparteien sowie Kreditinstitute und Wertpapierfirmen als Betreiber von Markt-DLT-Plattformen teilnehmen; als Marktteilnehmer ist jede Einrichtung mit Zugang zu T2 zugelassen.

Der Ausbau ist gestaffelt. Nach einer Rede von EZB-Direktoriumsmitglied Piero Cipollone vom 26. August 2026 werden zum Start nur einmalige Anschlussgebühren erhoben. Die Betriebszeit soll auf 22,5 Stunden je Geschäftstag verlängert werden; bis Mitte 2028 sind ein Betrieb rund um die Uhr und mehrere Währungen geplant.

Welche Zahlen die EZB zur Zersplitterung des europäischen Marktes nennt

Der Ausgangspunkt ist ein Markt aus vielen kleinen Teilen. Cipollone nannte in seiner Rede bei einem Zahlungsverkehrssymposium in Frankfurt am Main am 26. August 2026 diese Werte:

  • 31 Zentralverwahrer, 14 zentrale Gegenparteien und 323 Handelsplätze gibt es in der EU.
  • Mehr als 95 Prozent der Transaktionen wurden im Jahr 2023 nach Volumen und Wert zwischen Parteien desselben Zentralverwahrers abgewickelt.
  • Tokenisierte klassische Vermögenswerte auf öffentlichen DLT-Netzwerken haben sich weltweit zwischen März 2025 und März 2026 etwa verfünffacht.
  • Eine private Plattform in den Vereinigten Staaten wickelte im März 2026 im Schnitt 354 Milliarden US-Dollar tokenisierte Wertpapierpensionsgeschäfte am Tag ab, viermal so viel wie ein Jahr zuvor.
  • 64 Marktteilnehmer nahmen 2024 an mehr als 50 Tests des Eurosystems teil.

Die Zahlen aus der Rede beschreiben nach Angaben der EZB einen Markt, der gemessen an den globalen Kapitalmärkten weiterhin winzig ist, mit begrenzter Liquidität und wenig Handel am Zweitmarkt. Seit März 2026 akzeptiert das Eurosystem zudem über DLT-Dienste europäischer Zentralverwahrer begebene marktfähige Vermögenswerte als notenbankfähige Sicherheiten.

Was die Appia-Roadmap bis zum Jahr 2028 klären soll

Pontes ist die Brücke, Appia der Bauplan. Laut der Pressemitteilung der EZB vom 11. März 2026 untersucht Appia in Zusammenarbeit mit dem Markt, wie ein auf Tokenisierung und DLT beruhendes Finanzökosystem gestaltet werden könnte. Das Eurosystem will seine Vision dafür im Jahr 2028 veröffentlichen. Untersucht werden unter anderem eine gemeinsame Infrastruktur auf Basis einheitlicher Standards und die Zielkonflikte zwischen einem einzelnen Netzwerk und mehreren verbundenen Netzwerken.

Cipollone nannte am 26. August 2026 fünf Fähigkeiten, die ein integriertes Ökosystem braucht. Systeme müssen Anweisungen austauschen können, Vermögenswerte müssen übertragbar und zwischen Plattformen portierbar sein, Emittenten und Behörden müssen ihre Befugnisse ausüben können, und Abläufe sollen programmierbar bleiben. Einheitliche Token-Standards sind dafür die Grundlage; was ein solcher Standard technisch festlegt, zeigt eine Einführung in Token-Standards am Beispiel ERC-20.

Warum der deutsche Rahmen für elektronische Wertpapiere auf dem Prüfstand steht

Parallel zur europäischen Infrastruktur überprüft Deutschland seine nationalen Regeln. Nach Angaben der Deutsche Börse Group in ihrer Stellungnahme vom 13. März 2026 haben das Bundesfinanzministerium und das Bundesjustizministerium die Evaluierung des Gesetzes über elektronische Wertpapiere eingeleitet und Marktteilnehmer um Erfahrungen und Verbesserungsvorschläge gebeten. Die Deutsche Börse Group betreibt laut derselben Stellungnahme bislang kein Register für Kryptowertpapiere und macht das von einem tragfähigen Marktvolumen abhängig.

Die Börsengruppe schlägt statt einer Angleichung von 27 nationalen Regelwerken einen optionalen europäischen Rechtsrahmen für dematerialisierte Wertpapiere vor. Für Emittenten in Deutschland heißt das: Die Abwicklung in Zentralbankgeld kommt mit Pontes zuerst, die Regeln für die Begebung selbst werden im Jahr 2026 noch verhandelt.

Was Anleger bis zum Jahresende 2026 beobachten können

Zwei Termine ordnen das Jahr. Der Start von Pontes zeigt, wie viele Plattformen sich tatsächlich anschließen, und die Evaluierung des deutschen Rahmens für elektronische Wertpapiere zeigt, ob der nationale Weg neben dem europäischen bestehen bleibt. Beide Vorgänge betreffen Anleger zunächst nur mittelbar: Pontes ist ein Großhandelsdienst für Banken und Marktinfrastrukturen, kein Zugang für Privatkunden.

„Die Tokenisierung eines Wertpapiers ändert nichts an dem Anspruch, den es verbrieft, aber sie ändert alles daran, wer die Abwicklung kontrolliert. Wenn das Eurosystem die Geldseite selbst bereitstellt, verschwindet das Argument, dass digitale Wertpapiere ein privates Zahlungsmittel brauchen“, sagt Alexander Weipprecht, Geschäftsführer der Provimedia GmbH.

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