Die Krise sei der Moment der Entscheidungen. „Aber wir verschleppen Entscheidungen immer weiter. Daraus entsteht eine depressive Stimmung, und Unternehmen wird durch zu langes Zögern und Nicht-Handeln die ökonomische Kraft genommen. Irgendwann ist das Geld nicht mehr da für neue Produktentwicklungen und Innovationen.“ Dieses Nichtentscheiden koste Vertrauen. „Wir sind an einem Punkt, an dem ein großer Teil der Bevölkerung zweifelt oder schon Vertrauen verloren hat. Jetzt müssen wir es schaffen, innerhalb von anderthalb Jahren das Blatt zu wenden. In einem halben Jahr ist die Legislaturperiode zur Hälfte um. Erfahrungsgemäß wird es dann noch schwerer, zu Entscheidungen zu kommen, die in der verbleibenden Zeit noch eine Wirkung entfalten. Es muss jetzt demnächst etwas passieren, in diesem Jahr!“
Kretschmer sieht neben der Politik auch die Gewerkschaften in der Verantwortung, etwa durch Verlängerung der Wochenarbeitszeit, um die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen zu verbessern. „Ich frage mich, welchen Einfluss die Industriegewerkschaften, die ja jeden Tag den Niedergang mit dem Verlust von tausenden Arbeitsplätzen mitansehen, auf den Koalitionspartner SPD haben. Ihre Vertreter sitzen in den Aufsichtsräten der großen DAX-Unternehmen und wissen, wie dramatisch die Situation ist.“ Die Arbeitszeitverlängerung bei Mercedes begrüßt Kretschmer ausdrücklich. „Wenn wir 40 statt 35 Stunden arbeiten, ist das ein enormer Produktivitätsfortschritt, und Produktion muss nicht ins Ausland verlagert werden. Genau darum geht es, dass man sich den Realitäten stellt und sie nicht weiter ausblendet.“
Auch die Neuregelung des Verbrenner-Aus sei keine Lösung. „Auch wenn sich die Elektromobilität am Ende durchsetzen wird: Die jetzige Regelung zum Verbrenner-Aus ist keine Lösung und auch kein Befreiungsschlag. Das ist eine Beruhigungspille, die uns nicht weiterbringt“, kritisiert Kretschmer. „Die starren Regeln zum Verbrenner-Aus in Europa sind bürokratisch und teuer. Die Unternehmen rechnen sich genau aus: Wie viele Verbrenner dürfen sie bauen und wie viele Elektroautos. Das hat doch mit Marktwirtschaft nichts mehr zu tun.“
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