DDIM Fachtagung KI 2026: Warum KI erst durch Führung, Kontext und Umsetzung wirksam wird

Künstliche Intelligenz ist im Interim Management angekommen. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht mehr, ob Unternehmen KI einsetzen werden. Die entscheidende Frage lautet: Wie wird aus KI-Nutzung echte Wirkung – in Prozessen, Entscheidungen, Mandaten und Transformationen?

Genau dieser Frage widmete sich die DDIM Fachtagung KI & Transformation am 20. Juni 2026 in Seeheim. Mehr als 100 Interim Managerinnen und Interim Manager, Führungskräfte sowie KI-Expertinnen und -Experten kamen zusammen, um KI nicht als Hype, sondern als Management- und Umsetzungsthema zu diskutieren.

Die inhaltliche Gestaltung der Fachtagung wurde maßgeblich von den DDIM Mitgliedern Marc Kresin und Ralf H. Komor getragen. Unterstützt wurden sie von Podiumsmoderatorin Isabel Nitz sowie von Dr. Inci Akkus und Elmar R. Gorich, die ihre Perspektiven aus Governance, Transformation, Psychologie und operativer Umsetzung einbrachten.

Kontext schlägt Hype

Im Mittelpunkt der Veranstaltung standen der fachliche Austausch und der gezielte Wissenstransfer unter Interim Managern. Bereits der erste Themenblock machte deutlich: Der produktive Einsatz von KI beginnt nicht mit der Frage nach dem neuesten Tool. Entscheidend ist, ob KI in reale Geschäftsprozesse, Entscheidungslogiken und Wertschöpfung eingebettet wird. Die Keynotes der deutschen Tech-Unicorns Celonis und Aleph Alpha bereicherten das Veranstaltungsprogramm mit fundierten Einblicken und praxisnahen Perspektiven.

Rudy Kuhn von Celonis zeigte dies aus der Perspektive der Process Intelligence. Seine zentrale Botschaft: Erkenntnisse allein erzeugen noch keinen Wert. Wert entsteht erst, wenn Einsichten in Entscheidungen und Entscheidungen in Handlungen übersetzt werden. Gerade für Enterprise AI braucht es deshalb operativen Kontext: Prozessdaten, Geschäftslogik, Regeln, Rollen und die Realität der Organisation.

Dr. Sven J. Körner von Aleph Alpha setzte einen bewusst nüchternen Kontrapunkt zur aktuellen KI-Euphorie. KI kann überzeugend formulieren, aber sie kann auch überzeugend falsch liegen. Und als statistische Maschine hat sie eine strukturelle Tendenz zum Mittelmaß: Das wahrscheinlichste Ergebnis ist häufig das durchschnittlichste, gängigste oder klischeehafteste Ergebnis. Genau darin liegt eine wichtige Entlastung – und eine klare Herausforderung: Es gibt weiterhin Raum für menschliche Urteilskraft, Originalität, Kreativität und Genialität.

Oder, wie Körner es pragmatisch zuspitzte: „Machen ist wie wollen – nur krasser.“ KI ersetzt nicht das Handeln. Sie erhöht den Anspruch an klares Denken, belastbares Verstehen und konsequente Umsetzung.

Arbeitsarchitektur statt Prompt-Sammlung

Besonders praxisnah wurde es in der gemeinsamen Demonstration von Ralf H. Komor und Marc Kresin. Anhand eines fiktiven B2B-Go-to-Market-Mandats für Freudenberg Sealing Technologies wurde gezeigt, wie ein Mandat mit KI und digitalen Lösungen End-to-End strukturiert werden kann – von der ersten Anfragen-Diagnose über Unternehmensrecherche, Marktforschung und Geschäftsmodell-Analyse bis hin zu Management-Präsentation, 30/60/90-Tage-Plan, Wissensraum und integriertem Mandatsraum.

Der Kern war nicht: KI schreibt schneller Texte. Der Kern war: KI strukturiert Arbeit, wenn sie in eine saubere Arbeitsarchitektur eingebettet wird. Aus unklaren Informationen werden Hypothesen, Fragen und Prioritäten. Aus Recherche entsteht eine belastbare Entscheidungsgrundlage. Aus Analyse wird ein Fahrplan. Aus verstreuten Ergebnissen entsteht ein Mandatsraum, in dem Wissen, Artefakte, Entscheidungen und Follow-up zusammenlaufen.

Damit wurde ein zentraler Punkt für das Interim Management sichtbar: Qualität entsteht nicht durch Tool-Nutzung allein. Qualität entsteht durch die Architektur des Arbeitens – durch klare Schritte, gute Quellen, überprüfbare Zwischenergebnisse, menschliche Bewertung und die Übersetzung in Entscheidungen und Umsetzung.

Warum Transformation nicht am Tool scheitert

Elmar R. Gorich lenkte den Blick anschließend auf den wahrscheinlich wichtigsten, aber oft unterschätzten Teil jeder KI-Transformation: den Menschen. Nicht die Technologie ist in vielen Organisationen der Engpass. Der Engpass liegt häufig in Wahrnehmung, Glaubenssätzen, Konditionierung, Angst, Rollenbildern und Führung.

Sein Vortrag zeigte, warum Veränderung für Menschen selten linear verläuft. Wahrnehmung wird gefiltert durch Erfahrung, Werte, Interessen, Selbstbild, Mut oder Sicherheitsbedürfnis. Aus dieser Wahrnehmung entstehen Bewertungen, Gefühle, Entscheidungen und Handlungen – und damit eine neue Realität. Wer Transformation führen will, muss diese Schleife verstehen.

Auch die klassische Change Curve wurde dadurch wieder sehr konkret: Schock, Verneinung, rationale Einsicht, emotionale Akzeptanz, Probieren, Integration und neue Kompetenz. Genau in diesem Verlauf entstehen Widerstand, Verzögerung, Scope Creep oder Verantwortungsdiffusion. Erfolg scheitert dann nicht an Ideen, sondern an konsequenter Umsetzung, mentaler Stärke, psychologischer Sicherheit und einer Kultur, die Veränderung tatsächlich trägt.

Für Führung bedeutet das: KI ist kein reines IT-Tool. Sie wird Teil der Zusammenarbeit. Führungskräfte müssen Rollen zwischen Mensch und Maschine klären, Experimentierräume schaffen, Dialog ermöglichen und Verantwortung übernehmen. Der Mensch bleibt nicht deshalb wichtig, weil Technologie schwach ist. Er bleibt wichtig, weil Sinn, Verantwortung, Ambiguität, Ethik und Veränderungsfähigkeit menschliche Führungsaufgaben bleiben.

Human in the Lead ist mehr als ein Leitmotiv

DDIM Vorstandsvorsitzende Dr. Marei Strack brachte die zentrale Haltung der Veranstaltung in ihrer Abmoderation auf den Punkt:  „Was wir brauchen, ist den Human in the Loop, aber vor allen Dingen am Ende den Human in the Lead.“

Dieser Satz wurde im Laufe des Tages immer konkreter. Human in the Lead bedeutet nicht, KI aus Vorsicht zu bremsen. Es bedeutet, KI bewusst zu steuern: Ziele setzen, Kontext liefern, Ergebnisse prüfen, Entscheidungen verantworten und den organisatorischen Rahmen schaffen, in dem Technologie Wirkung entfalten kann.

KI, Macht und Regulierung: Wer entscheidet wirklich?

Dr. Inci Akkus ergänzte die Diskussion um eine besonders wichtige Managementperspektive: KI verändert nicht nur Prozesse. KI verschiebt Entscheidungsmacht. Sobald Systeme Daten filtern, Risiken bewerten, Menschen vorsortieren, Kunden priorisieren oder strategische Optionen empfehlen, entsteht Selektionsmacht.

Das wurde an konkreten Beispielen sichtbar. Ein experimentelles Recruiting-Tool von Amazon wurde eingestellt, nachdem es Frauen in technischen Rollen benachteiligte – nicht, weil jemand Diskriminierung in den Code geschrieben hatte, sondern weil historische Daten alte Muster reproduzierten. Der niederländische Childcare-Benefits-Skandal zeigte noch drastischer, was passieren kann, wenn algorithmische Risikoklassifikation Menschen in einen vorgeprägten Entscheidungskorridor zwingt: Das System entschied formal nicht allein, aber es bestimmte, wer als riskant sichtbar wurde und wer sich rechtfertigen musste.

Die zentrale Lehre daraus ist unbequem, aber notwendig: Niemand kann sich hinter der KI verstecken. Wenn ein Mensch auf Basis einer KI-Empfehlung handelt oder entscheidet, bleibt dieser Mensch verantwortlich. „Die KI hat es gesagt“ ist keine Führungs-, Governance- oder Haftungsstrategie.

Gerade deshalb braucht Management neue Kompetenzen. Entscheiderinnen und Entscheider müssen nicht primär besser prompten. Sie müssen Systemoutputs beurteilen, Datenbasis und Annahmen hinterfragen, Zielgrößen verstehen, Verzerrungen erkennen, Widerspruch ermöglichen und Override-Rechte klären. Sonst wird Management nicht zur Kontrollinstanz, sondern nur noch zur Legitimationsinstanz bereits vorgeprägter Entscheidungen.

Regulierung ist in diesem Verständnis keine bürokratische Fußnote. AI Act, Data Act und Governance-Anforderungen adressieren genau diese neue Realität: Datenzugang, Modelllogik, Verantwortlichkeiten, Nachweisbarkeit, Human Oversight und die Frage, wer eine Systemempfehlung stoppen oder übersteuern darf.

Ein Tag, der die Rolle des Interim Managements schärft

In der abschließenden Podiumsdiskussion unter Moderation von Isabel Nitz liefen diese Perspektiven zusammen: KI wird das Interim Management nicht ersetzen. Aber sie verändert die Anforderungen an Interim Managerinnen und Interim Manager deutlich.

Gefragt ist künftig nicht nur schnelle Umsetzungskompetenz. Gefragt ist die Fähigkeit, Mandate mit KI wirksamer zu strukturieren, Entscheidungsarchitekturen offenzulegen, Datenzugang und Governance zu klären, Menschen durch Veränderung zu führen und aus technologischer Möglichkeit konkrete Wirkung zu machen.

Damit setzte die DDIM Fachtagung KI ein starkes Signal für die Branche: Interim Managerinnen und Interim Manager können in der KI-Transformation eine Schlüsselrolle übernehmen – nicht als Tool-Anwender, sondern als Übersetzer, Architekten und verantwortliche Umsetzer zwischen Technologie, Organisation, Führung und Wertschöpfung.

Der nächste Schritt besteht deshalb nicht darin, KI nur besser zu verstehen. Der nächste Schritt besteht darin, KI verantwortungsvoll in Wirkung zu übersetzen. Mit Kontext. Mit Arbeitsarchitektur. Mit menschlicher Urteilskraft. Und mit der Bereitschaft, tatsächlich anzufangen.

Über den DDIM – Dachgesellschaft Deutsches Interim Management e.V.

Die DDIM ist der größte Verband für professionelles Interim Management in Deutschland und Anlaufstelle für Interim Manager, Interim Management Provider und Unternehmen. Die jährliche Befragung zur Marktentwicklung wurde dieses Jahr unter den über 800 Mitgliedern (Interim Manager, selbstständige Führungskräfte und Experten) und rund 30 Partnern (Interim Management Provider / Vermittler) durchgeführt.

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