Christ, Jude oder Moslem? In erster Linie Mensch!
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Kathmandu Nepal
Dienstag, Apr. 21, 2026
Regie: Axel Vornam
Ausstattung: Tom Musch
Licht: Harald Emrich
Dramaturgie: Dr. Mirjam Meuser
Sultan Saladin: Oliver Firit
Sittah, dessen Schwester: Lisanne Hirzel
Nathan, ein reicher Jude in Jerusalem: Stefan Eichberg
Recha, dessen angenommene Tochter: Cosima Fischlein
Daja, eine Christin: Sabine Fürst
Ein junger Tempelherr: Felix Lydike
Ein Derwisch: Nils Brück
Der Patriarch von Jerusalem: Tobias D. Weber
Ein Klosterbruder: Sebastian Weiss
Engel: Ingrid Richter-Wendel
Engel: Statisterie
Christ, Jude oder Moslem? In erster Linie Mensch!
Abschiedsinszenierung von Intendant Axel Vornam: Lessings »Nathan der Weise«
»Sind Christ und Jude eher Christ und Jude als Mensch?«
Mit seiner letzten Inszenierung am Theater Heilbronn schließt sich für Axel Vornam ein Kreis: 2008 eröffnete er seine Intendanz mit »Nathan der Weise« – damals in der Inszenierung von Alejandro Quintana. Nun, 18 Jahre später, zum Ende seiner Intendanz am Theater Heilbronn, möchte Vornam Lessings großes Toleranz-Stück erneut auf seine Aktualität hin befragen. Die Premiere ist am 9. Mai 2026 um 19.30 Uhr im Großen Haus. Noch einmal hat Tom Musch die Entwicklung der Bühne und der Kostüme übernommen, es ist seine mittlerweile 50. Ausstattung für das Theater Heilbronn. Stefan Eichberg spielt die Titelrolle, Oliver Firit den Sultan Saladin. Außerdem hält diese Inszenierung noch einmal einen großen Auftritt für Ingrid Richter-Wendel, die Grande Dame des Heilbronner Theaters, bereit.
Zum Inhalt
Jerusalem im 12. Jahrhundert in einer Zeit des Waffenstillstands während des dritten Kreuzzuges: Der Jude Nathan kehrt von einer Geschäftsreise zurück. Da erfährt er, dass sein Haus gebrannt und seine Tochter Recha nur wie durch ein Wunder überlebt hat. Ein christlicher Tempelherr rettete das Mädchen aus den Flammen. Als Nathan ihm persönlich danken möchte, reagiert der schroff. Er möchte als Christ nicht mit einem Juden verkehren. Doch da er ein feinsinniger, kluger Mann ist, verschließt er sich immer weniger Nathans Argument, dass sie beide ebenso wie die anderen Christen und Juden doch in erster Linie Menschen seien und dann erst Angehörige ihrer Religion. Als der Tempelritter dann auch noch Recha wiedertrifft, verliebt er sich sofort und hält bei Nathan um ihre Hand an. Doch warum weicht Nathan ihm da aus? Daja, das Dienstmädchen des Juden, verrät ihm schließlich, dass Recha nur die angenommene Tochter Nathans und eigentlich auch Christin sei. Eine Tatsache, die den Tempelherrn zutiefst empört und die er seinem geistlichen Oberhaupt, dem Patriarchen, zuträgt. Für den steht auf diesen »Raub« eines Christenkindes aus der religiösen Gemeinschaft ganz klar die Todesstrafe: »Der Jude wird verbrannt«.
Ringparabel – eine Religion muss ihre Werte hier und heute leben
Unterdessen hat Sultan Saladin den überall als Weisen gepriesenen Nathan zu sich gebeten. Nathan glaubt, er solle dem Herrscher Geld leihen. Doch stattdessen konfrontiert Saladin ihn mit der Frage, welche Religion er für die wahre halte. Nathan erzählt ihm darauf ein Märchen, die Parabel von einem Ring, der die Eigenschaft habe, vor Gott und den Menschen beliebt zu machen. Nach alter Tradition geht der Ring immer vom Vater auf seinen liebsten Sohn über. Nun tritt der Fall ein, dass ein Vater seine drei Söhne alle gleich liebt. Er lässt zwei perfekte Kopien des Ringes anfertigen, und so erbt jeder Sohn einen Ring. Die Söhne streiten sich, wer nun den echten Ring besitze. Ein Richter trägt jedem von ihnen auf, so zu leben und zu handeln, als wäre sein Ring der echte, und erst nach langer Zeit wiederzukommen … Eine Religion muss ihre Werte hier und heute leben. Nur im humanen Handeln, in der gelebten sozialen Praxis, erweist sich ihr Bestand. Der aufgeklärte Saladin ist so beeindruckt, dass er, der muslimische Herrscher, den Juden Nathan um seine Freundschaft bittet.
Hauptwerk der Aufklärung
Lessings Nathan ist die Gestalt gewordene Idee von Toleranz und Nächstenliebe. Aber er ist niemand, der die Weisheit arrogant vor sich herträgt, sondern vor allem ein Mensch, der in seinem Leben geliebt und gelitten hat, und der von vielen schrecklichen Erlebnissen geprägt wurde. Nathan weiß: Es gibt keine Alternative zur Vernunft. Er verkörpert den aufgeklärten Menschen, der seinem Verstand vertraut und auch andere von der Benutzung des eigenen Kopfes überzeugen will.
Damit gilt »Nathan der Weise« als ein Hauptwerk der Aufklärung. Entstanden ist das dramatische Gedicht 1779 als literarische Antwort im Streit Lessings mit dem fanatischen Hamburger Hauptpastor Goeze, der jedes Wort in der Bibel für die einzige und unantastbare Wahrheit hielt. Lessing hingegen plädierte im sogenannten »Fragmentenstreit« dafür, auch die Religion dem Primat der Vernunft unterzuordnen. Er wurde daraufhin mit der Zensur belegt und durfte keine theoretischen Schriften mehr zum Thema Religion veröffentlichen. Seine Reaktion: »Ich muß versuchen, ob man mich auf meiner alten Kanzel, auf dem Theater wenigstens, noch ungestört will predigen lassen.« So entstand dieses große Drama, in dem Lessing seine Theorien über religiöse Toleranz und Humanismus in eine spannende und zutiefst menschliche Geschichte eingebettet hat, die bis heute nichts an Aktualität verloren hat.
Bis heute Utopie geblieben
Sind Christ und Jude und Moslem eher Christ und Jude und Moslem als Mensch? Diese Variation auf Lessings Frage, die er seinem Nathan in den Mund legt, zeigt wie notwendig es ist, sich damit zu beschäftigen. Als hätte es die Aufklärung nicht gegeben, werden auch heute noch Wahrheits- und territoriale Ansprüche häufig dogmatisch an der Religion festgemacht. Dies birgt ein großes Gewaltpotential, das sich in nationalen und weltweiten Konflikten immer wieder entlädt. Das friedliche Miteinander der Kulturen und Religionen und das Verständnis füreinander ist existentiell und eine der großen Herausforderungen unserer Zeit.
Die aktuelle Eskalation der Konflikte im Nahen Osten verleiht diesem Stoff zusätzlich eine neue Brisanz und zeigt, dass Lessings Appell bis heute eine Utopie geblieben ist.
Theater Heilbronn
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