Diagnose Autismus: Ergotherapeutische Starthilfe für Eltern

Die Formen von Autismus-Spektrum-Störungen zeigen sich in unterschiedlichen – sprich leichten bis schweren, aber vor allem individuellen – Ausprägungen. Für das Umfeld von Kindern mit Autismus ist auch daher nicht immer einfach zu erkennen, dass eine Störung vorliegt; einer der Gründe, weshalb manche betroffenen Kinder ihre Diagnose vergleichsweise spät erhalten. „Im Rahmen der ergotherapeutischen Edukation wollen Eltern unter anderem lernen, besser zu unterscheiden: ist das extreme Verhalten gerade Charaktersache, typisch für die aktuelle Entwicklungsphase wie Trotz oder Pubertät, ist es Autismus-bedingt oder alles zusammen und wie lässt sich zielgerichtet damit umgehen“, gibt David Wild, DVE (Deutscher Verband Ergotherapie e.V.), einen ersten Einblick in das Spektrum ergotherapeutischer Hilfe bei Autismus.

Wer den Alltag mit einem Kind mit Autismus reibungsloser gestalten möchte, muss zunächst Verständnis für dessen Verhaltensweisen entwickeln. Voraussetzungen hierfür sind das Wissen zum Störungsbild ebenso wie die (Er-)Kenntnisse zu den Besonderheiten des Kindes. Denn die Schwierigkeiten, die Eltern mit diesen Kindern erleben, sind so verschieden wie die Menschen selbst. Der Ergotherapeut David Wild bestätigt: „Es gibt Kinder mit Autismus, die es schaffen, sich in der Schule angepasst zu verhalten: aufpassen, mitmachen, sich konzentrieren und gute Leistungen zeigen“. Dadurch ist ihr Energiehaushalt regelrecht leergepumpt. Manche brauchen zuerst Ruhe, andere gehen über ihre Grenzen, sind nicht mehr imstande, sich selbst zu regulieren, was sie jedoch selbst genauso bedauern, wie das betroffene Umfeld. Wieder andere kommen mit der Schulsituation nicht zurecht, weil sie dort mehr Reize empfangen, die Unruhe größer ist als zuhause oder es zu unerwarteten, nicht geplanten Ereignissen kommt.

ergotherapeutische Wissensvermittlung für Eltern

Sind die individuell voneinander abweichenden Ursachen für die Eskalationen des Kindes enttarnt, lassen sich kritische Situationen eher vermeiden. All das herauszufinden, sich ein genaues Bild vom Kind, den Eltern und dem Umfeld zu machen, gehört zu den Aufgaben, die bei Ergotherapeuten angesiedelt sind. Die ergotherapeutische Intervention ist von Anfang an Teil der Behandlung von Kindern mit Autismus und findet zunächst überbrückend statt, bis ein Platz in einem Autismus-Therapiezentrum zur Verfügung steht. Meist beschäftigen Autismus-Therapiezentren Ergotherapeut:innen; andernfalls gibt es deutschlandweit ergotherapeutische Praxen, die die Arbeit mit dem Kind ambulant fortführen. Um den Eltern im Moment der Diagnose „Autismus“ eine Soforthilfe anbieten zu können, hat der Ergotherapeut David Wild sich etwas Besonderes einfallen lassen: er gibt Elternabende. Wenn möglich vor Ort, Pandemie-bedingt online. Eine Gruppe von zehn Familien erfährt bei ihm an fünf Abenden Grundlegendes zum Störungsbild. Die Diagnose Autismus ist für viele noch immer sehr klischeebehaftet, womit der Ergotherapeut zumindest bei den betroffenen Eltern durch Wissensvermittlung aufräumt. Er legt ihnen dar, dass Autismus nicht ‚wegtherapierbar‘ ist, sie aber Verständnis für die Eigenarten ihres Kindes erlernen und dadurch einen besseren Umgang miteinander erlernen können. So lassen sich viele Erleichterungen im Alltag erreichen.

Die Innenwelt des Kindes mit Autismus erforschen lernen

Darüber hinaus bieten die durch den Ergotherapeuten organisierten Treffen Raum für die Fragen der Eltern und – typisch Ergotherapie – das Umfeld; meistens kommen die Großeltern mit. Häufig bringen die Familien Essen als Thema mit: Kinder mit Autismus stören sich gerne an Optik, Konsistenz, Haptik, Geruch, Form, Farbe oder Temperatur der Nahrung, haben ein sehr eigenes Empfinden. Diese Faktoren sind wenig bekannt und führen mitunter zu der Schlussfolgerung der Eltern, das Kind äße nicht gerne, was selten stimmt. Nicht nur die Speisen selbst, auch die sozialen Aspekte – beim Essen mit Eltern oder Geschwistern am Tisch sitzen oder sich unterhalten zu müssen – können bei Kindern mit Autismus-Spektrum-Störungen Stress verursachen und zu Eskalationen führen. Diesen Stress versuchen sie zu vermeiden, indem sie sich beispielsweise vom gemeinsamen Essen mit der Familie ausschließen – ein Verhalten, das sie auch in anderen Zusammenhängen zeigen.

Kooperationsbereitschaft des Kindes herbeiführen

Die Gruppendynamik der Elternabende wirkt sich von Anfang an positiv aus: Mit dem vom Ergotherapeuten vermittelten Wissen und dem Austausch untereinander gelingt es den teilnehmenden Eltern oft schon sehr schnell, neue Lösungsansätze für Konfliktsituationen zu entwickeln. „Die Elternabende sind auch dazu da, den Prozess des Umdenkens zu initiieren, anders nachzudenken, um tiefergehende Einsichten über die Innenwelt des eigenen Kindes zu gewinnen“, verdeutlicht der Ergotherapeut David Wild eine weitere, wesentliche Bedeutung dieser Gruppenveranstaltung. Weiterhin lernen die Eltern bei den Elternabenden verschiedene Hilfsmittel und Strategien für das tägliche Miteinander mit einem Kind mit Autismus kennen. Tages- oder je nach Schwere der Störung Handlungspläne und andere Strukturen sind ergotherapeutische Hilfsmittel, die den Alltag erleichtern. Kennen Kinder mit Autismus die auf sie zukommenden Anforderungen und Abläufe, fühlen sie sich sicherer und es kommt zu weniger Entgleisungen. Die Kunst ist jedoch, die Pläne auch an den Bedürfnissen und Wünschen des Kindes zu orientieren, es optimalerweise bereits in der Planungsphase einzubeziehen. Dank der Informationen von Ergotherapeut:innen wissen Eltern: Für Kinder mit Autismus gilt dieses für jeden Menschen sinnvolle Prinzip umso mehr, da mit dieser Störung eine ausgeprägte Ich-Bezogenheit einhergeht. Versteht das Kind also, warum etwas so ist, wie es ist, wächst die Kooperationsbereitschaft mitzumachen und sich an Regeln zu halten. So können Eltern viele Diskussionen auf Ausnahmesituationen beschränken.

Zukunftsperspektiven für Kinder mit Autismus

Auch auf Ausnahmesituationen bereiten Ergotherapeut:innen vor, arbeiten mit den Betroffenen, also Kindern und Eltern, Strategien aus, um Probleme und Schwierigkeiten oder Unvorhersehbares zunehmend besser zu bewältigen. David Wild berichtet aus der ergotherapeutischen Praxis, wie sehr den Eltern die Befähigung ihrer Kinder, mit Problemen umgehen zu können, am Herzen liegt, was nicht wundert. Ist dies doch eine unabdingbare Voraussetzung, um dem Kind später mehr Selbstständigkeit zu ermöglichen. Den letzten Abend widmet der Ergotherapeut den Chancen, die Kinder mit Autismus haben. Angefangen von der schulischen Entwicklung – mittlerweile erhalten die meisten Kinder mit Autismus im Alter von etwa sechs bis acht Jahren ihre Diagnose – geht es um Zukunftsfragen: ‚wo kann das Kind später arbeiten, wohnen, leben‘. Auch wenn dies bei den wenigsten zu diesem Zeitpunkt relevant ist, können Eltern beruhigter in die Zukunft blicken, wissen sie, dass es eine Perspektive gibt und sie, beziehungsweise ihr dann erwachsenes „Kind“, bei vielem Unterstützung erhalten können.

Informationsmaterial zu den vielfältigen Themen der Ergotherapie gibt es bei den Ergotherapeut:innen vor Ort; Ergotherapeut:innen in Wohnortnähe auf der Homepage des Verbandes unter https://dve.info/service/therapeutensuche

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