Telemedizin, Praxis-Finanzierung und drohender Ärztemangel
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Mittwoch, Sep. 30, 2026
Mit am Tisch saßen neben der 1. Vorsitzenden des Hausärzteverbandes, Susanne Sommer, und ihrer Stellvertreterin Denise Furdu-Schrimpf auch Dr. Carsten Rottmann als Ersatzdelegierter für die Landesvertretung sowie Dr. Sigrid Stahl von der Fachstelle Gesundheitliche Versorgung des Vogelsbergkreises.
Ein zentrales Thema des Treffens war das geplante GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz – ein im Juli dieses Jahres beschlossenes Gesetz der Bundesregierung, das den drastischen Anstieg der Beiträge in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) bremsen und drohende Milliarden-Finanzierungslücken schließen soll.
Die Vogelsberger Medizinerinnen und Mediziner übten heftige Kritik an einigen – aus ihrer Sicht – Fehlentwicklungen:
So sehen sie das vereinfachte Krankschreiben per Online-Plattform beispielsweise kritisch. Während Hausarztpraxen vor Ort die Patienten kennen und komplexe Krankheitsbilder betreuen, deckten Telekliniken oft nur die „einfachen Fälle“ ab. Zudem müssten Patienten, wenn sie weitergehende Krankschreibungen benötigten, sowieso zu einem niedergelassenen Mediziner, was zu einer finanziellen Mehrbelastung des Gesundheitssystems durch mehrfach abgerechnete Grundpauschalen führe.
Auch das drohende Ende der telefonischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung trifft auf Unverständnis. Patienten müssten wieder volle Wartezimmer aufsuchen – mit entsprechendem Ansteckungsrisiko für andere und wertvoller Zeit, die den Ärzten für aufwendigere Behandlungen fehlte.
In der Hausarztzentrierten Versorgung (HzV) drohen ab gewissen Patientenzahlen finanzielle Abschläge. „Sind Hausärzte künftig überhaupt noch gewünscht?“, brachte Dr. Carsten Rottmann die Zukunftsängste auf den Punkt. Trotz Investitionen, Praxiserweiterung und der Anstellung einer jungen Ärztin sehe er die mittelfristige Übergabe seiner Praxis vor dem Hintergrund ständiger Regelungsänderungen und Planungsunsicherheit gefährdet.
Kritik gab es zudem an Parallelangeboten wie Impfungen oder Medikamentenplan-Checks in Apotheken, die die traditionelle Kernaufgaben der Hausarztpraxen verwässerten. Erschwerend käme hinzu, dass Hausärzte eine gesetzlich festgelegte Impfquote erreichen müssen, wenn die Impfungen vergütet werden sollen. Es schließe sich die Frage an, wie das erreicht werden kann, wenn die Apotheker auch Impfen dürfen und so die möglichen Impfungen für Arztpraxen zurückgehen, so die Mediziner.
„Es darf nicht sein, dass bürokratische und finanzielle Hürden den Hausärzten vor Ort das Leben schwer machen“, machte Gesundheitsdezernent Dr. Mischak deutlich. „Wir brauchen eine verlässliche Unterstützung, die den Erhalt der Praxen fördert, statt neue Herausforderungen zu schaffen.“
Politik verspricht Nachbesserung und Strukturreform
Der Bundestagsabgeordnete Wiegelmann zeigte Verständnis für die Sorgen vor Ort, verwies jedoch auf den grundlegenden Reformbedarf im gesamten Gesundheitssystem: „Nicht nur die Hausärzte müssen Einsparungen hinnehmen, sondern alle Leistungserbringer im System.“
Gleichzeitig gab er einen Ausblick auf das für den Herbst angekündigte Primärversorgungsgesetz. Dieses solle die ambulante Versorgung grundlegend umgestalten, die Rolle der Hausärzte nachhaltig stärken und Doppelstrukturen abbauen, um dem drohenden Hausärztemangel wirksam entgegenzutreten.
Wiegelmann sagte zu, die konkreten Kritikpunkte – insbesondere zu Telekliniken und den Regeln bei Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen – mit nach Berlin zu nehmen und in den parlamentarischen Beratungen weiterzuverfolgen.
Trotz teils unterschiedlicher Standpunkte war die Atmosphäre des Treffens von Offenheit, gegenseitigem Respekt und Fachkompetenz geprägt. Landrat Dr. Jens Mischak zog ein positives Fazit: „Der Vogelsbergkreis als ländlicher Raum ist auf eine starke, verlässliche hausärztliche Struktur angewiesen. Wir werden den Dialog zwischen Kommunalpolitik, Bundespolitik und der Ärzteschaft eng weiterführen, um gemeinsam die Herausforderungen zu meistern.“
Alle Beteiligten vereinbarten, den direkten Draht zwischen Kommunalpolitik, Bundespolitik und der Ärzteschaft auch künftig eng aufrechtzuerhalten.
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