Tabakkonsum und Nikotinsucht zählen weltweit weiterhin zu den führenden vermeidbaren Todesursachen. Allein im Jahr 2023 rauchten mehr als 1 Milliarde Menschen weltweit Tabak; dies verursachte schätzungsweise 5,81 Millionen Todesfälle durch direkten Tabakkonsum sowie weitere 1,66 Millionen Todesfälle bei Nichtraucher:innen durch Passivrauchen, zusammen über 15 % aller Todesfälle bei Männern und rund 3 % bei Frauen, wovon knapp 40 % auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen entfallen. Vor diesem Hintergrund liefert die Übersichtsarbeit eine klare und aktuelle Botschaft: Es gibt kein sicheres Nikotin, und kein gesundes Nikotin.
Die bislang umfassendste Zusammenschau ihrer Art
Was diese Übersichtsarbeit auszeichnet, ist ihr Umfang. Statt sich auf eine einzelne Produktkategorie zu beschränken, führt das Autor:innenteam um Prof. Thomas Münzel (Universitätsmedizin Mainz) für jedes wichtige nikotinhaltige Produkt, Tabakzigaretten, Wasserpfeifen, E-Zigaretten, Tabakerhitzer und orale Nikotinprodukte — systematisch drei Evidenzebenen zusammen, die nur selten gemeinsam betrachtet werden: detaillierte Daten zu toxischen Inhaltsstoffen und Emissionen; präklinische Tiermodell-Studien zu vaskulären und endothelialen Mechanismen; sowie große klinische und Biomarker-Studien am Menschen. Durch die Zusammenführung von Chemie, Mechanismus und klinischem Ergebnis in einem einzigen Rahmen leiten die Autor:innen eine konsistente, evidenzbasierte „Hierarchie des kardiovaskulären Schadens“ für sämtliche heute genutzten Nikotin-Trägersysteme ab.
Das Ergebnis ist eindeutig: Verbrennung verursacht die stärkste Toxizität, doch kein nikotinhaltiges Produkt, ob geraucht, erhitzt, verdampft oder oral aufgenommen, ist für das Herz-Kreislauf-System risikofrei.
Nikotin selbst ist ein direktes Gefäßgift
Die öffentliche Debatte um Tabak konzentriert sich seit Jahrzehnten auf Rauch und Verbrennungsprodukte. Die Übersichtsarbeit macht auf einen oft übersehenen Punkt aufmerksam: Nikotin selbst schädigt, unabhängig von der Darreichungsform, direkt die Blutgefäße (Abbildung). Mechanistische und klinische Daten zeigen, dass Nikotin:
- die endotheliale NO-Synthase (eNOS) entkoppelt und dadurch die Verfügbarkeit von gefäßschützendem Stickstoffmonoxid senkt;
- oxidativen Stress erhöht;
- die Freisetzung von Endothelin-1 steigert und dadurch die glatte Gefäßmuskulatur zur Kontraktion anregt;
- die Prostacyclin-Synthese reduziert, was Thrombozytenaggregation, ein prothrombotisches Milieu sowie einen erhöhten Gefäßtonus begünstigt;
- ATP-sensitive Kaliumkanäle in der glatten Gefäßmuskulatur hemmt und so die normale Gefäßerweiterung beeinträchtigt.
Diese Effekte sind bereits nach einer einzelnen Nikotinexposition messbar und treten unabhängig vom jeweiligen Trägerprodukt auf, geraucht, erhitzt, verdampft oder oral. Nikotin ist mit anderen Worten kein passiver Bestandteil, der lediglich die Sucht aufrechterhält. Es ist ein aktiver Treiber der endothelialen Dysfunktion, dem frühesten Schritt auf dem Weg zu Arteriosklerose, Bluthochdruck und Herzinsuffizienz.
Ein Narrativ, das die Evidenz nicht stützt
Dieser Befund steht in klarem Widerspruch zu einem Narrativ, das Teile der Tabak- und Nikotinindustrie seit Langem verbreiten: Nikotin sei zwar süchtig machend und „nicht risikofrei“, aber nicht der Haupttreiber kardiovaskulärer Erkrankungen, und werde mitunter im Risikoprofil mit Koffein verglichen. Die Autor:innen der Übersichtsarbeit halten diese Darstellung für wissenschaftlich nicht haltbar: Zwar erhöht Verbrennung die Toxizität zusätzlich erheblich, doch die hier zusammengetragenen Daten zeigen, dass Nikotin selbst, unabhängig von Rauch, Teer oder Aerosol, messbare, reproduzierbare Gefäßschäden verursacht, belegt in Tiermodellen, bei gesunden Proband:innen und in klinischen Kohorten.
„Weniger schädlich“, so die Autor:innen, dürfe niemals mit „harmlos“ gleichgesetzt werden, und Nikotin selbst dürfe unabhängig von Verpackung oder Vermarktung niemals als sicher bezeichnet werden.
Eine konsistente Schadenshierarchie – aber keine risikofreie Stufe
Die Übersichtsarbeit integriert präklinische Mechanismusstudien, Endothelfunktions- und Biomarkerdaten sowie große klinische Kohorten (u. a. PATH, All of Us und die Cross Cohort Collaboration) zu Zigaretten, Wasserpfeifen, E-Zigaretten, Tabakerhitzern und oralen Nikotinprodukten. Verbrennungsprodukte verursachen die ausgeprägteste endotheliale Dysfunktion und tragen das höchste kardiovaskuläre Risiko. Tabakerhitzer und E-Zigaretten liegen im mittleren Bereich; orale Nikotinprodukte tragen das geringste, aber weiterhin messbare Risiko. Vollständige Nikotinabstinenz bleibt die einzige risikofreie Strategie.
Bezug zum EU Safe Hearts Plan
Die Autor:innen verknüpfen ihre Ergebnisse mit dem EU Cardiovascular Health Plan („Safe Hearts Plan“), den die Europäische Kommission im Dezember 2025 verabschiedet hat und dessen erste strategische Säule ausdrücklich eine Überarbeitung der Tabakkontrollgesetzgebung vorsieht (https://www.escardio.org/…). Die Arbeit liefert die wissenschaftliche Evidenzgrundlage für eine zentrale Forderung des Plans: eine Regulierung, die sich nicht länger allein an der Produktkategorie „Tabak“, sondern an der pharmakologischen Wirkung von Nikotin selbst orientiert, unabhängig davon, ob es geraucht, erhitzt, verdampft oder oral aufgenommen wird. Die kardiovaskuläre Toxizität von Nikotin in Kombination mit seinem gut belegten, hohen Abhängigkeitspotenzial sprechen zusammen für einen kohärenten, an Nikotin selbst ausgerichteten Regulierungsrahmen anstelle eines Flickenteppichs produktspezifischer Einzelregelungen.
Statements
Prof. Thomas Münzel, Universitätsmedizin Mainz, korrespondierender Autor der Studie:
„Wir wollten eine Frage klären, die seit Jahren diskutiert wird: Ist Nikotin selbst gefährlich, oder nur der Rauch, der es umgibt? Unsere Daten lassen daran kaum noch Zweifel: Nikotin allein schädigt das Endothel und die glatte Gefäßmuskulatur über mehrere, gut charakterisierte Mechanismen. Es gibt keine sichere Dosis und keine sichere Darreichungsform von Nikotin für das Herz-Kreislauf-System, eine Botschaft, die verloren geht, wenn Nikotin als kaum mehr denn ein mildes Stimulans, vergleichbar mit Koffein, vermarktet wird. Suchtforscher:innen stellen sein Abhängigkeitspotenzial seit Langem in eine Reihe mit Kokain und Heroin. Genau deshalb sehen wir unsere Arbeit als direkten Beitrag zum neuen EU Safe Hearts Plan: Die darin geforderte Überarbeitung der Tabakkontrollgesetzgebung sollte Nikotin selbst regulieren, über alle Darreichungsformen hinweg.“
Prof. Andreas Daiber, Universitätsmedizin Mainz, Ko-Autor der Studie:
„Diese Übersichtsarbeit schließt eine wichtige Evidenzlücke, indem sie erstmals mechanistische, Biomarker- und klinische Daten über alle Kategorien nikotinhaltiger Produkte hinweg zusammenführt. Ihre zentrale Botschaft, dass Nikotin selbst keine inerte oder harmlose Substanz ist, verdient breite Aufmerksamkeit von Kliniker:innen, Regulierungsbehörden und der Öffentlichkeit gleichermaßen.“
Über die Publikation
Münzel, T., Kuntic, M., Keaney, J. F. Jr, Lurz, J., Crea, F., Lüscher, T. F., Rajagopalan, S. & Daiber, A. Nicotine-containing products and the cardiovascular system: mechanisms and global health implications. Nature Reviews Cardiology (2026). DOI: https://doi.org/…
Nach Veröffentlichung steht die vollständige PDF-Fassung vier Wochen lang kostenlos zum Download zur Verfügung.
Über den EU Safe Hearts Plan
Am 16. Dezember 2025 verabschiedete die Europäische Kommission den EU Cardiovascular Health Plan („Safe Hearts Plan“) — die erste umfassende, EU-weite Strategie gegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Europas häufigste Todesursache. Weitere Informationen: https://www.escardio.org/public-health/eu-cardiovascular-health-plan/
Abbildung:
Nikotin als zentraler Treiber kardiovaskulärer Schädigung durch nikotinhaltige Produkte. Schematische Übersicht der pathophysiologischen Mechanismen, über die Nikotin – unabhängig vom jeweiligen Applikationssystem (verbrennbare Tabakzigaretten, E-Zigaretten, Tabakerhitzer, Wasserpfeifen sowie orale Nikotinprodukte) – zur Entstehung kardiovaskulärer Erkrankungen beiträgt.
a, Nikotin aktiviert nikotinische Acetylcholinrezeptoren im autonomen Nervensystem, im Nebennierenmark und im Gefäßendothel und führt dadurch zu einer Aktivierung des sympathischen Nervensystems mit vermehrter Freisetzung von Katecholaminen. Dies bewirkt eine Zunahme von Herzfrequenz, Blutdruck, myokardialer Kontraktilität und Herzzeitvolumen sowie eine periphere Vasokonstriktion. Dadurch steigen der myokardiale Sauerstoffbedarf und die autonome Dysbalance.
b, Auf vaskulärer Ebene verursacht Nikotin eine endotheliale Dysfunktion, die durch eine verminderte flussvermittelte Dilatation, erhöhten oxidativen Stress und eine reduzierte Bioverfügbarkeit von Stickstoffmonoxid (NO) infolge einer Entkopplung der endothelialen NO-Synthase (eNOS) gekennzeichnet ist. Dies wird unter anderem durch eine Herunterregulation der GTP-Cyclohydrolase 1 (GCH1) und eine verminderte Verfügbarkeit von Tetrahydrobiopterin (BH₄) begünstigt.
Nikotin stört zudem das Gleichgewicht zwischen vasodilatierenden und vasokonstriktorischen endothelialen Mediatoren durch eine verminderte Synthese von Prostacyclin (auch als Prostaglandin I₂; PGI₂ bezeichnet) und eine vermehrte Bildung von Endothelin-1 (ET-1). Dies fördert Vasokonstriktion und vaskuläre Entzündungsprozesse. Diese Mechanismen tragen zu einer erhöhten arteriellen Gefäßsteifigkeit und hämodynamischen Belastung bei, darunter eine erhöhte Pulswellengeschwindigkeit und ein gesteigerter Augmentationsindex, und begünstigen dadurch die Entwicklung von Hypertonie und Herzinsuffizienz.
Parallel aktiviert Nikotin prothrombotische und vasokonstriktorische Signalwege, einschließlich Thrombozytenaktivierung, Thromboxan-A₂-Signalübertragung, verminderter Fibrinolyse und koronarer Vasokonstriktion, wodurch das Risiko akuter ischämischer Ereignisse erhöht wird. Proangiogene Wirkungen von Nikotin auf Endothelzellen fördern die Neovaskularisation und Instabilität atherosklerotischer Plaques. Eine chronische Nikotinexposition trägt darüber hinaus zu ungünstigem kardialem Remodeling, myokardialer Fibrose sowie einer Beeinträchtigung der systolischen und diastolischen Funktion bei.
Die Nikotinabhängigkeit verstärkt zusätzlich Häufigkeit und Dauer der Exposition durch eine Aktivierung des mesolimbischen Dopaminsystems und führt damit zu einer kumulativen Verstärkung vaskulärer Schäden. Zusammengenommen verbinden diese miteinander verknüpften Mechanismen die Nikotinexposition mit einem Kontinuum kardiovaskulärer Schädigung, das schließlich in einer manifesten kardiovaskulären Erkrankung münden kann.
Abkürzungen: α₁-AR, α₁-adrenerger Rezeptor; ADMA, asymmetrisches Dimethylarginin; COX, Cyclooxygenase; ETₐ, Endothelinrezeptor Typ A; ETᵦ, Endothelinrezeptor Typ B; HPA, Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse; NF-κB, Nuclear Factor κB; NOX2, NADPH-Oxidase 2; ROS, reaktive Sauerstoffspezies.
Die Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz zählt zu den führenden universitätsmedizinischen Standorten Deutschlands und verbindet Maximalversorgung mit Forschung und Lehre. Prof. Thomas Münzel leitet die kardiovaskuläre Forschung in der Klinik für Kardiologie und ist Mitglied des Deutschen Zentrums für Herz-Kreislauf-Forschung (DZHK), Standort Rhein-Main.
Universitätsmedizin Mainz Zentrum für Kardiologie
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