"Niemand hat mich dazu verpflichtet, mich zu engagieren – ich wollte das einfach machen, weil ich etwas bewegen will", sagt Liselotte Schmidt, die ab September in der Breitenausbildung des ASB Hamburg mitarbeiten wird. Jonas Kempe, der sein BFD ebenfalls im September beginnt, ergänzt: "Für mich war klar, dass ich nach der Schule etwas Sinnvolles tun will. Ein Zwangsdienst hätte mich nicht mehr überzeugt als das, was ich jetzt freiwillig mache."
"Genau diese Haltung brauchen wir – und sie muss endlich auch entsprechend gewürdigt werden", sagt Bettina Spechtmeyer-Högel, Geschäftsführerin des ASB Hamburg. "Liselotte und Jonas zeigen, dass junge Menschen sich engagieren, wenn man ihnen echte Wahlmöglichkeiten und echte Wertschätzung bietet – nicht, wenn man sie dazu verpflichtet. Wer über einen neuen Zivildienst spricht, darf die bestehenden Freiwilligendienste nicht länger als zweite Wahl behandeln. Wir fordern seit Langem: Freiwilligendienst und Wehrdienst müssen in Anerkennung, Ausstattung und Bildungszeit endlich gleichgestellt werden. Alles andere ist eine Abwertung von jungen Menschen, die bereits heute Verantwortung übernehmen."
Damit schließt sich der ASB Hamburg der bundesweiten Position des ASB an. Wie zuletzt in zahlreichen Medienberichten deutlich wurde, spricht sich der ASB klar gegen eine allgemeine Dienstpflicht und für den Ausbau der bestehenden Freiwilligendienste aus. Sollte der Gesetzgeber dennoch einen verpflichtenden Ersatzdienst einführen, fordert der Verband unter anderem eine Mindestdauer von neun bis zwölf Monaten, die freie Wahl der Einsatzstelle statt Zwangszuweisung sowie eine Gleichstellung in Entlohnung und Anerkennung.
Ein zentrales Anliegen ist dem ASB dabei die Bildungsarbeit. „Freiwilligendienst ist nicht nur ein Jahr Arbeit – es ist ein Jahr, in dem junge Menschen Demokratie erleben, Verantwortung lernen und Krisenkompetenz aufbauen", so Spechtmeyer-Högel weiter. "Das ist ein Bildungsauftrag, den wir ernst nehmen müssen, wenn wir wollen, dass unsere Gesellschaft in Krisenzeiten handlungsfähig bleibt. Diese Bildungsinhalte müssen vom Bund endlich verlässlich anerkannt und finanziert werden."
Der ASB Hamburg benennt dabei zwei strukturelle Probleme, über die bislang zu wenig gesprochen wird: die geringe Entlohnung der Freiwilligendienste und deren geschlechtliche Schieflage. Eine mögliche Wehrpflicht bzw. ein Pflichtdienst würde nach bisherigem Diskussionsstand vor allem junge Männer betreffen, die zwischen Wehrdienst und zivilem Ersatzdienst wählen könnten. Frauen und queeren Personen bliebe dagegen nur die Freiwilligkeit – und damit die Freiwilligendienste, die schlechter vergütet und geringer anerkannt sind, ohne dass ihnen dieselbe Wahlmöglichkeit offenstünde.
„Ein Freiwilligendienst ist für viele junge Menschen faktisch ein Luxus geworden", sagt Spechtmeyer-Högel. "Wer nicht auf die finanzielle Unterstützung der Eltern zurückgreifen kann oder unter günstigen Umständen lebt, kann sich ein Freiwilliges Soziales Jahr schlicht nicht leisten – das Taschengeld reicht vielerorts nicht zum Leben. Und es kann nicht sein, dass ausgerechnet diejenigen, die ohnehin nur die freiwillige Option haben, dafür auch noch schlechter gestellt werden. Wenn wir über die Gleichstellung von Diensten sprechen, dann muss das auch für die Geschlechter gelten: gleiche Wahlmöglichkeiten, gleiche Bezahlung, gleiche Wertschätzung. Wenn wir wollen, dass sich mehr Menschen freiwillig engagieren, müssen wir die Entlohnung spürbar anpassen. Das ist keine Kostenfrage, sondern eine Investition in den gesellschaftlichen Zusammenhalt." Erst eine angemessene Vergütung macht den Freiwilligendienst zu einer echten Option für alle jungen Menschen – unabhängig von Elternhaus und Geschlecht.
Mit Liselotte Schmidt und Jonas Kempe stehen ab September zwei von rund 90.000 jungen Menschen, die bundesweit jährlich einen Freiwilligendienst leisten, exemplarisch für eine Generation, die sich nicht zum Engagement zwingen lassen muss – sondern es aus eigenem Antrieb tut. Damit aus zwei künftig deutlich mehr werden, muss sich der Freiwilligendienst aus Sicht des ASB in erster Linie durch bessere Bedingungen und mehr Sichtbarkeit empfehlen.
"Verantwortung kann man nicht verordnen – man muss sie ermöglichen", bringt es Spechtmeyer-Högel auf den Punkt.
Der Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) Landesverband Hamburg e. V. ist eine der führenden Hilfs- und Wohlfahrtsorganisationen der Hansestadt. Mit rund 1.600 haupt- und 800 ehrenamtlichen Mitarbeitenden engagiert sich der Verband in den Bereichen Pflege, Kinder- und Jugendhilfe, Rettungsdienst, Bevölkerungsschutz, Zuwandererhilfe und die Bereitstellung sozialer Angebote.
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