Die Illusion der sicheren privaten Altersvorsorge
Die Realrendite (also die Nominalrendite nach Abzug der Inflationsrate) deutscher Lebens- und Rentenversicherungen – insbesondere der klassischen, deckungsstockbasierten Policen – ist ein chronisches Schmerzthema für Sparer. Wer heute die nackten Zahlen betrachtet, stellt fest: In vielen Fällen ist die Realrendite klassischer Verträge negativ oder bewegt sich nahe der Nulllinie.
Die drei Haupttreiber der Renditeschmelze
Dass die Realrenditen so stark unter Druck stehen, liegt an einer Kombination aus drei Faktoren:
1. Der anhaltend niedrige Höchstrechnungszins (Garantiezins)
Der gesetzliche Garantiezins (Höchstrechnungszins) für Neuverträge liegt seit 2022 bei mageren 0,25 % (angehoben ab 2025/2026 leicht auf 1,00 %). Wichtig dabei: Dieser Zins gilt niemals auf den gesamten Beitrag, sondern nur auf den sogenannten Sparanteil – also nach Abzug von Abschluss-, Vertriebs- und Verwaltungskosten.
2. Hohe Kostenstrukturen
Klassische Policen sind oft mit erheblichen Kosten belastet:
Die Effektivkostenquote (Reduction in Yield) liegt bei vielen klassischen Verträgen zwischen 1,0 % und über 2,0 % pro Jahr. Das bedeutet: Das Guthaben muss sich erst einmal um diesen Prozentsatz verzinsen, nur um die Kosten einzuspielen.
3. Laufende Inflation vs. Überschussbeteiligung
Die Gesamtverzinsung (Garantiezins + laufende Überschussbeteiligung) liegt bei den meisten deutschen Lebensversicherern für klassische Tarife im Schnitt zwischen 2,0 % und 3,0 %.
Wenn man davon die internen Kosten abzieht, bleibt eine Netto-Nominalrendite, die häufig kaum die Inflationsrate ausgleichen kann. Liegt die Inflation beispielsweise bei 2,5 % und die Netto-Nominalrendite der Police bei 1,5 %, entsteht eine negative Realrendite von -1,0 %.
Klassische Tarife bei Neuverträgen erzielen typischerweise eine Nominalrendite von etwa 1,0 bis 2,0 Prozent netto. Nach Abzug der Inflation ergibt sich jedoch häufig eine negative Realrendite von ungefähr -0,5 bis -1,5 Prozent. Der Hauptgrund liegt darin, dass der sehr niedrige Garantiezins im Deckungsstock kaum ausreicht, um Inflation und Vertragskosten auszugleichen.
Klassische Altverträge aus der Zeit vor dem Jahr 2000 weisen dagegen häufig eine höhere Nominalrendite von etwa 3,0 bis 4,0 Prozent auf. Durch die damals zugesagten hohen Garantiezinsen von teilweise bis zu 4,0 Prozent können diese Verträge auch nach Berücksichtigung der Inflation noch eine schwach positive oder zumindest weitgehend neutrale Realrendite erreichen.
Moderne beziehungsweise sogenannte Neue Klassik-Tarife bewegen sich typischerweise in einem Renditebereich von etwa 1,5 bis 2,5 Prozent nominal. Durch den Verzicht auf besonders hohe Beitragsgarantien sollen höhere Überschüsse ermöglicht werden. Trotzdem reicht die Rendite in vielen Fällen nur für eine geringfügig negative bis maximal ausgeglichene Realrendite und führt somit selten zu einem tatsächlichen Kaufkraftgewinn.
Fondsgebundene Lebensversicherungen hängen dagegen stark von der Entwicklung der zugrunde liegenden Kapitalmärkte ab. Sie bieten durch die Anlage in Fonds oder ETFs grundsätzlich höhere Renditechancen und können langfristig eine positive Realrendite ermöglichen. Gleichzeitig tragen Versicherte hierbei jedoch stärker die Risiken der Kapitalmarktentwicklung.
Steuerliche Komponente – der „Rettungsanker“?
Häufig wird von der Versicherungsbranche argumentiert, dass die Steuerprivilegien die Realrendite nach Steuern („Netto-Netto-Rendite“) im Vergleich zu Direktanlagen (wie einem ETF-Depot unter Abgeltungsteuer) retten.
Garantien kosten Rendite: Bei der klassischen Police führt die Kombination aus hohen Kosten und dem Zwang, in niedrig verzinsten Staatsanleihen (Deckungsstock) anzulegen, mathematisch fast zwingend in eine reale Verlustzone. Wer heute eine klassische deutsche Lebens- oder Rentenversicherung zur Altersvorsorge abschließt, erleidet durch den Kaufkraftverlust (Inflation) in Kombination mit den Vertragskosten mit hoher Wahrscheinlichkeit eine schleichende Enteignung. Positive Realrenditen sind im Versicherungsmantel nur noch über rein fondsgebundene Verträge darstellbar.
Die „versteckten Risiken“ in den Deckungsstöcken
Wenn wir über die langfristigen Risiken deutscher Lebens- und Rentenversicherungen sprechen, greift der reine Blick auf Inflation und Kosten zu kurz. Es gibt systemische und regulatorische Risiken im Deckungsstock, die in der klassischen Beratung, aber auch in den Medien, selten thematisiert werden, im Ernstfall aber die versprochene nominelle Stabilität aushebeln können.
Zwei der gravierendsten institutionellen Risiken sind die stillen Lasten in den Bilanzen der Versicherer und die gesetzlichen Mechanismen wie die Collective Action Clauses (CACs).
1. Stille Lasten: Das Zinsänderungsrisiko im Deckungsstock
Klassische Lebensversicherer legen den Großteil der Kundengelder (den Deckungsstock) in festverzinslichen Wertpapieren wie Staatsanleihen und besicherten Anleihen an. Hieraus ergibt sich bei stark steigenden Zinsen ein massives Bilanzproblem:
2. Collective Action Clauses (CACs): Das Enteignungsrisiko über Staatsanleihen
Da deutsche Lebensversicherer zu erheblichen Teilen in Staatsanleihen der Eurozone investiert sind, betrifft sie ein rechtliches Instrument, das im Zuge der Euro-Krise eingeführt wurde: die Collective Action Clauses (Umschuldungsklauseln).
Seit dem 1. Januar 2013 müssen alle neu begebenen Staatsanleihen der Eurozone mit einer Laufzeit von mehr als einem Jahr diese Klauseln enthalten.
Das Zusammenspiel: Der regulatorische Notanker (§ 314 VAG)
Kommt es durch stille Lasten, einen Run von Kunden oder einen CAC-bedingten Schuldenschnitt zu einer existenziellen Krise des Versicherers, greift der gesetzliche Schutzschirm des Versicherungsaufsichtsgesetzes (VAG) – allerdings nicht primär zum Schutz des Kundenvermögens, sondern zur Absicherung des Systems.
§ 314 VAG (Zahlungsverbot, Herabsetzung von Leistungen): Wenn die Solvenz eines Versicherers nicht mehr gewährleistet ist, kann die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) veranlassen, dass:
Das Entscheidende für Sparer: Die Pflicht der Kunden, die laufenden Beiträge weiterzuzahlen, bleibt trotz der Leistungskürzung im Regelfall bestehen.
Fazit der erweiterten Risikobetrachtung
Die Hinzunahme von stillen Lasten und Collective Action Clauses verschiebt das Risikoprofil klassischer Rentenversicherungen drastisch:
Inflation und Kosten führen zu einer schleichenden Entwertung des Versichertenvermögens. Durch den negativen Realzins sinkt die Kaufkraft der späteren Auszahlung planbar und kontinuierlich von Jahr zu Jahr.
Stille Lasten und Collective Action Clauses, kurz CAC, bergen dagegen ein systemisches Schockrisiko. Bei makroökonomischen Verwerfungen, starken Zinsanstiegen oder einem Vertrauensverlust können abrupte und regulatorisch angeordnete Eingriffe in Garantien und Leistungen drohen, etwa auf Grundlage von § 314 VAG.
Klassische Policen verbriefen somit keine risikofreie Anlage, sondern tauschen das schwankende Marktrisiko einer Aktienanlage gegen ein chronisches Kaufkraftrisiko und ein systemisches Bonitäts- und Rechtsrisiko des Versicherungskollektivs ein.
Somit stellt sich Frage: Sind klassische Lebens- und Rentenversicherungen für die Altersvorsorge geeignet?
Der Begriff „Sicherheit“, mit den klassischen Policen über Jahrzehnte beworben wurden, hat sich unter den aktuellen ökonomischen und regulatorischen Rahmenbedingungen ins Gegenteil verkehrt. Wenn wir Eignung als „verlässlichen Erhalt der Kaufkraft plus realen Vermögenszuwachs fürs Alter“ definieren, versagen klassische Verträge systematisch.
Hier ist die finale Abwägung, warum das Konzept der klassischen Deckungsstock-Vorsorge nicht mehr zeitgemäß ist und für wen es maximal noch eine Nischenberechtigung hat.
Warum sie für die moderne Altersvorsorge ungeeignet sind
1. Das mathematische Todesurteil: Der negative Realzins
Eine Altersvorsorge läuft typischerweise über 20, 30 oder 40 Jahre. Über solche Zeiträume ist die Inflation Ihr größter Feind. Wie in der vorherigen Berechnung gezeigt, führt die Kombination aus hohen internen Kosten (oft 1,5 % bis 2 % p.a. Effektivkosten) und den niedrigen Renditen des Deckungsstocks im aktuellen Zinsumfeld fast unweigerlich zu einer negativen Realrendite. Sie sparen also jahrzehntelang, um im Alter real weniger Kaufkraft zu besitzen als bei der Einzahlung.
2. Die Illusionsgarantie
Klassische Policen garantieren die eingezahlten Beiträge oder einen minimalen Garantiezins (Höchstrechnungszins). Diese Garantie bezieht sich jedoch nur auf den Nominalwert und dem Deckungsstock. Eine nominale Garantie ist bei langfristiger Inflation wertlos. Was nützt Ihnen die Garantie, dass Sie 100.000 € herausbekommen, wenn diese 100.000 € im Jahr 2056 nur noch die Kaufkraft von heute 50.000 € haben?
3. Asymmetrisches Risikoprofil
Das vielleicht größte Paradoxon: Der Sparer wählt die klassische Versicherung, um kein Kursrisiko (wie am Aktienmarkt) zu haben. Dafür kauft er sich jedoch erhebliche systemische Risiken ein:
Fazit
Die klassische Lebens- und Rentenversicherung ist ein Produkt des 20. Jahrhunderts. Im 21. Jahrhundert führt sie durch die Zwillingskrise aus hohen Kosten und repressiven Zinsmärkten zu einem planbaren realen Vermögensverlust. Für eine erfolgreiche Altersvorsorge müssen Sparer das vermeintlich „sichere“ Korsett des Deckungsstocks verlassen und auf produktive Sachwerte mit Fonds/ETFs setzen – ob direkt im Depot oder in einem kostengünstigen Versicherungsmantel.
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Rolf Klein
Ökonom, Publizist und zertifizierter Finanzplaner
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