Mit dem Rad von Berlin nach Marokko: Warum Christophers Plan B zur Traumetappe wurde
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Mittwoch, Juni 17, 2026
Zahlen und Fakten
„Bitte führe uns einmal anhand von Zahlen durch diese Etappe – durch wie viele Länder bist du gefahren, wie viele Kilometer und Höhenmeter hast du gesammelt, wie viele Platten hattest du, wie viele Tage hat es geregnet, welche Sprachen hast du genutzt und an wie vielen Tagen hast du im Zelt geschlafen?“
Christopher:
Ich bin diesmal durch sechs Länder gefahren: Deutschland, die Niederlande, Belgien, Frankreich, Spanien und Marokko. Insgesamt waren es 3.635,85 Kilometer und 22.492,66 Höhenmeter bei 220 Stunden, 53 Minuten und 23 Sekunden reiner Fahrzeit – und das Ganze ohne einen einzigen Platten.
Im Schnitt habe ich pro Tag rund 4.778 kcal verbrannt und am Ende der Etappe waren es fünf Kilo weniger auf der Waage. Übernachtet habe ich 26 Nächte in Unterkünften und 11 Nächte im Zelt oder in der Hängematte. Sprachlich war es auch eine bunte Mischung: Ich habe Deutsch, Englisch, Französisch, Niederländisch, Spanisch und Arabisch genutzt – je nachdem, wo ich gerade unterwegs war.
Schlafplätze unterwegs
„Du bist diesmal von Berlin bis nach Marokko gefahren – oft ohne zu wissen, wo du am Abend schläfst. Nach welchen Kriterien entscheidest du unterwegs spontan über deine Schlafplätze, und gab es eine Situation, die dir besonders im Gedächtnis geblieben ist?“
Christopher:
Damit ich zeitlich im Plan bleibe, setze ich mir pro Tag ein klares Ziel: mindestens 100 Kilometer fahren. Meine verfügbaren Reisetage sind ziemlich genau durchgerechnet, deshalb ist dieses Tagesziel mein wichtigstes Kriterium.
Wenn ich die 100 Kilometer erreicht habe, schaue ich, was in der Umgebung möglich ist – ein schönes kleines Hotel, eine Pension, ein Campingplatz oder, wenn es passt, ein Platz zum Wildcampen.
In Erinnerung geblieben ist mir besonders eine Wildcamp-Nacht in Andalusien. Ich bin mitten in der Nacht an einem Picknickplatz angekommen und habe im Dunkeln mein Lager aufgeschlagen. Am nächsten Morgen bin ich aufgewacht und der Ausblick hat mich einfach umgehauen. Dieser Moment – abends noch unsicher, wo man da eigentlich gelandet ist, und dann am Morgen dieses Panorama – das ist genau die Art von Überraschung, für die ich solche Etappen liebe.
Plan B als Chance
„Der Start ab Teheran war dieses Jahr aufgrund der Kriegssituation nicht möglich. Wie gehst du mental damit um, wenn sich große Reisepläne plötzlich ändern müssen – und hat dich die Route nach Marokko im Nachhinein vielleicht sogar positiv überrascht?“
Christopher:
Auf jeden Fall hat mich die Route nach Marokko positiv überrascht. Ich dachte vorher: „Okay, wieder durch Europa fahren – das wird mich vielleicht nicht so „flashen“ wie Asien, die Türkei oder Iran. Aber genau das Gegenteil war der Fall. Die Vielfalt der Landschaften und Menschen in Westeuropa ist enorm und hat mich total begeistert.
Mit Planänderungen komme ich ganz gut klar, weil sie eigentlich von Anfang an einkalkuliert waren. Mein Konzept „Etappen-Weltreise“ ist bewusst so gedacht, dass es flexibel bleibt. Mir war klar: Irgendwann kommt der Moment, in dem ich ein bestimmtes Land nicht durchfahren kann. Die Erde ist rund, es gibt keine Einbahnstraße. Wenn Iran im nächsten Jahr immer noch nicht zu bereisen ist, kann ich von Marokko aus zum Beispiel weiter nach Ägypten, nach Kairo, fahren. Es gibt immer eine Möglichkeit, die Reise fortzusetzen.
Wichtiger als meine Route ist mir, dass es den Menschen in den Krisenregionen möglichst gut geht. Zum Glück habe ich aus vielen Ländern, in denen ich schon war, – insbesondere im Iran – Freundinnen und Freunde, mit denen ich in direktem Kontakt stehe. Von ihnen erfahre ich, wie es ihnen aktuell geht, und das beruhigt mich sehr.
Regen, Technik und Improvisation
„Auf so einer langen Strecke läuft selten alles glatt. Was war dein herausforderndster Moment auf dieser Etappe – technisch, organisatorisch oder persönlich – und wie hast du ihn gelöst?“
Christopher:
Am herausforderndsten waren definitiv die Phasen mit Dauerregen. Kurz vor Paris hatte ich drei Tage Regen am Stück – das hat nicht nur an der Motivation gekratzt, sondern auch meiner Technik zugesetzt. Am Ende ist mein Garmin-Navigator komplett ausgefallen und ich musste auf Navigation per Smartphone umsteigen – mit entsprechend höherem Stromverbrauch und mehr Organisation.
Ein ähnliches Erlebnis hatte ich in den Pyrenäen: Dauerregen, Sturm, keine echte Pause. Das Problem an diesem Dauerregen ist, dass meine Kleidung – und vor allem meine Radschuhe, die unten geöffnet sind – keine Chance haben, durchzutrocknen. Nach mehreren Tagen kann das gesundheitsschädigend werden.
Irgendwann war klar, dass es so nicht weitergeht, und ich bin notgedrungen 20 Kilometer mit einem Taxi bis nach Pamplona gefahren, um aus dieser Regen- und Sturmecke herauszukommen. Das war eine harte Entscheidung, weil ich am liebsten alles aus eigener Kraft fahre, aber es war die einzig vernünftige Entscheidung – und ja, sie hat mir ein kleines „Regen-Trauma“ verpasst.
Vertrauen und Ungewissheit
„Viele können sich kaum vorstellen, mit so viel Ungewissheit unterwegs zu sein. Was hast du auf dieser Etappe über Vertrauen gelernt – in andere Menschen, in deine Vorbereitung oder auch in dich selbst?“
Christopher:
Dieses Gefühl der Ungewissheit ist für mich ein zentraler Teil des Abenteuers. Man weiß nie genau, was hinter der nächsten Kurve oder hinter dem nächsten Berg auf einen wartet – und genau das macht es spannend.
Beim Vertrauen in andere Menschen verlasse ich mich sehr auf mein Bauchgefühl. Solange man weltoffen bleibt und das den Menschen auch ausstrahlt, laufen 99 Prozent aller Begegnungen positiv. Mir ist natürlich klar, dass es in jedem Land „schwarze Schafe“ gibt, aber die halten sich meist in typischen Touristengegenden auf. Diese Regionen versuche ich möglichst zu umgehen oder nur zu durchqueren, wenn es keine andere Route gibt.
Um mich selbst sicherer zu fühlen, habe ich außerdem immer die Möglichkeit, einen Notruf abzusetzen, der gleichzeitig meine GPS-Daten übermittelt. Das war zum Beispiel in La Rioja in Spanien wichtig, wo ich zeitweise über 100 Kilometer ohne Handyempfang unterwegs war.
Filmen als Tagebuch
„Du hast bereits deine ersten Etappen intensiv gefilmt und auch diesmal wieder ganze Passagen dokumentiert und sehr persönliche Gedanken geteilt – für uns wirkt das fast so, als wärst du unterwegs nie wirklich allein gewesen. Hilft dir das Filmen auf der Reise tatsächlich dabei, dich weniger allein zu fühlen, und wie verändert es dein Erleben der Etappe, wenn du gleichzeitig ‚für deine Community‘ fährst?“
Christopher:
Das Filmen selbst ist für mich in erster Linie wie ein Tagebuch. Wenn ich nicht dokumentieren würde, müsste ich all die Eindrücke im Kopf behalten – und das ist bei den vielen Reizen, die täglich auf einen einprasseln, kaum möglich. Videos und Bilder helfen mir enorm, mich zu erinnern und die Reise im Nachhinein Revue passieren zu lassen.
Du hast aber indirekt recht mit dem „nicht allein sein“. Dadurch, dass ich viele Videos und Fotos in den sozialen Medien poste, bekomme ich viel Resonanz – Kommentare, Nachrichten, Fragen. Darauf antworte ich auch regelmäßig. Das sorgt dafür, dass mein Bedürfnis nach Austausch auf einem gesunden Level bleibt. Man hat das Gefühl, dass Freunde, Familie und Interessierte live mitreisen.
Es gibt natürlich auch Phasen, in denen ich länger keine Verbindung zur Außenwelt habe. In solchen Momenten führe ich viele Selbstgespräche, manchmal auch in anderen Sprachen, um zu üben. Und ich unterhalte mich ziemlich viel mit meinem Fahrrad „Jindujun“. Manchmal schimpfe ich sogar mit ihm, wenn es scheinbar andere Pläne hat – etwa wenn ich kurz absteige und es so wirkt, als wolle es einfach wegrollen.
Gleichzeitig liebe ich es, andere zu unterhalten und zu inspirieren: Freunde, Familie, aber auch Menschen, die mich zufällig finden oder die ähnliche Lebensträume haben. Wenn meine Videos und Geschichten Anreize und Motivation geben, dass sich jemand auch traut, seinen eigenen Traum anzugehen, dann ist das eines der schönsten Ergebnisse dieser Dokumentation.
Ein Lieblingsmoment am Atlantik
„Wenn du nur einen einzigen Moment dieser Etappe herauspicken dürftest – welcher war dein absoluter Lieblingsmoment auf dem Weg von Berlin nach Marokko und warum bleibt dir genau dieser so stark im Gedächtnis?“
Christopher:
Das ist wirklich schwierig, weil es so viele intensive Momente gab. Wenn ich mich aber entscheiden muss, dann wähle ich den „Parc naturel régional Médoc“ in Frankreich.
Das ist ein riesiger Naturpark am Atlantik, durch den der EuroVelo 1 führt. Ich konnte dort einen kompletten Tag über mehr als 100 Kilometer auf traumhaften Radwegen fahren – durch Wälder, Dünenlandschaften und immer wieder mit Abstechern zu den großen Sanddünen und zum Ozean. Dieser Mix aus endlosem Radweg, Natur und Meer hat mich total gepackt. Für mich steckt in diesem Tag die Essenz dieser Etappe: im eigenen Rhythmus fahren, den Kopf freibekommen und gleichzeitig überwältigende Landschaften erleben.
„Ich war eine derjenigen, die dich unterwegs digital begleitet haben – und ich fand es großartig, auf diese Weise fast live mit dabei zu sein. Schön, dass du gesund und voller Reiseerlebnisse wieder zurück bist. Mögest du noch lange von diesen Eindrücken zehren – wir sind jetzt schon gespannt auf deine nächste Etappe. Viele Dank für das Interview“
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