Was mir in der Berufsorientierung fehlte – und warum viele Jugendliche heute dasselbe erleben
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Mittwoch, März 25, 2026
Ich war genau da. Und rückblickend muss ich sagen: Ich war nicht orientierungslos, weil ich unfähig war. Ich war orientierungslos, weil das System keine Orientierung angeboten hat.
Praktika als Pflichtübung statt als Chance
In der Schule hieß es: „Ihr müsst ein Praktikum machen.“ Punkt.
Kein „Was interessiert dich?“, kein „Was sind deine Stärken?“, kein „Lass uns gemeinsam schauen, was zu dir passt.“ Wenn du keinen Platz findest, machst du eben irgendwas. Hauptsache, die Stunden sind voll.
Ich habe dieses „irgendwas“ gemacht. Ein Praktikum beim Rechtsanwalt, eins im Nagelstudio. Beides komplett an mir vorbei. Beim Anwalt sollte ich Paragraphen auswendig lernen, obwohl ich nur assistieren sollte. Im Nagelstudio war ich fachlich wie menschlich völlig fehl am Platz. Und das war’s dann mit der Berufsorientierung.
Das System hat mich nicht begleitet. Es hat mich verwaltet.
Studium: Hoffnung, die sich schnell relativiert hat
Also dachte ich: Dann studiere ich eben. Das macht man ja so, wenn man nicht weiß, was man tun soll. Germanistik, Politik, Archäologie, Philosophie – alles interessant, alles irgendwie „brotlos“, wie man mir sagte.
Im Studium habe ich dann gemerkt, dass meine Vorstellung von Politik nicht mit dem übereinstimmte, was dort vermittelt wurde. Für mich bedeutet Politik Verantwortung. Entscheidungen haben Folgen, wirtschaftliche, gesellschaftliche und emotionale. Wenn Maßnahmen in der Bevölkerung auf massiven Widerstand stoßen, weil sie als ungerecht empfunden werden, zeigt das, dass etwas nicht ausreichend bedacht wurde. Für mich gehört deshalb immer auch eine ethische Perspektive dazu.
Dieser Aspekt wurde im Studium kaum thematisiert. Und genau das hat mich irritiert. Nicht, weil ich eine politische Position einnehmen wollte, sondern weil ich überzeugt bin, dass gute Politik mehrere Perspektiven berücksichtigen muss.
Warum Berufsorientierung früher so oft versagt hat
Wenn ich heute zurückblicke, sehe ich ein Muster:
• Schulen haben keine echten Ansprechpartner für Berufsorientierung.
• Es gibt kein Fach, das Jugendliche über Jahre begleitet.
• Praktika sind Pflicht, aber nicht sinnvoll strukturiert.
• Jugendliche werden mit ihren Stärken allein gelassen.
• Viele Berufe bleiben komplett unsichtbar.
• Gesellschaftliche Narrative lenken mehr als echte Interessen.
Das System hat uns beigebracht, Entscheidungen zu treffen, aber nicht, wie man gute Entscheidungen trifft.
Und heute? Die Gen Z steht vor einem neuen Problem
Die Gen Z ist anders sozialisiert als wir 90er-Kinder. Wir sind draußen rumgerannt, hingefallen, aufgestanden, weitergemacht. Heute ist vieles vorsichtiger, sicherheitsorientierter und stärker auf Work-Life-Balance ausgelegt. Das ist nicht schlecht, es ist einfach anders.
Diese andere Sozialisierung bringt aber Herausforderungen mit sich. Verunsicherung führt schneller zu Stillstand. Wenn keine Lösung da ist, wird gewartet statt ausprobiert. Und weil die Welt komplexer und schneller geworden ist, fühlen sich Entscheidungen oft größer und endgültiger an.
Gleichzeitig ist die Berufswelt explodiert. Es gibt mehr Berufe, mehr Spezialisierungen, mehr Möglichkeiten und paradoxerweise dadurch mehr Überforderung.
Was Berufsorientierung heute leisten müsste
Wenn wir wollen, dass Jugendliche nicht mehr zufällig in Berufe stolpern, brauchen wir ein System, das Orientierung nicht als Pflichttermin versteht, sondern als Prozess.
Jugendliche müssen lernen, Entscheidungen zu treffen und zu verstehen, dass Entscheidungen veränderbar sind.
Orientierung ist kein Luxus, sondern Voraussetzung
Ich war damals nicht verloren, weil ich unfähig war. Ich war verloren, weil niemand mir gezeigt hat, wie man sich findet.
Berufsorientierung darf nicht länger ein Pflichtpraktikum und eine Messe sein. Sie muss ein Prozess sein, der Jugendliche ernst nimmt, begleitet und befähigt. Denn am Ende geht es nicht darum, dass junge Menschen „irgendwas“ machen. Es geht darum, dass sie wissen, warum sie etwas tun und dass sie sich dabei selbst wiederfinden.
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