Der Schwarzwald ist die Wiege des Mountainbike-Sports in Deutschland – Wolfgang Renner brachte das geländegängige Rad nach Deutschland
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Freitag, März 13, 2026
Lieber Herr Renner, Sie sind als Kind Kunstradfahrer gewesen, später mehrfacher Deutscher Querfeldein-Meister, Alpencross-Pionier und einer der „Erst-Beradler“ tibetischer Bergwelten. Woher kommt Ihre Leidenschaft fürs Fahrradfahren?
Wenn man in Magstadt aufgewachsen ist, wird einem das Fahrrad quasi in die Wiege gelegt. Mein Vater war Kunstradfahrer und ich bin mit elf Jahren zusammen mit meinem Zwillingsbruder Jürgen auch zu diesem Sport gekommen und habe es dort sehr weit gebracht. Auf die Dauer war mir fünf Mal Training pro Woche in der Halle aber zu langweilig, daher bin ich zum Querfeldein-Radsport gewechselt. Dort konnte man sich bei Rennen jedes Wochenende beweisen und ich bin so in ganz Europa herumgekommen.
Was sehen Sie in einem Fahrrad, was bedeutet es Ihnen?
Tja, da fällt mir viel ein: Fahrradfahren ist nachhaltig. Mit einem Fahrrad kann man die Welt erkunden, Länder und Landschaften kennenlernen und dabei auch die Augen links und rechts ein bisschen schweifen lassen. Allein den Jakobsweg bin ich mehrmals mit dem Rad gefahren, als Pilger würde man dafür zu Fuß viel zu lange brauchen. Und mein Nachname ist Programm: Ich habe eine gewisse Ungeduld in mir und deswegen ist Radfahren für mich eine wunderbare Beschäftigung und auch ein guter Ausgleich.
Wie kam es zum Wechsel vom Sportler zum Unternehmer mit Gründung von CENTURION 1976?
Ich hatte einen Freund, der auch Querfeldein-Rennen gefahren ist und der für die Firma Messingschlager japanische Fahrradteile in Deutschland vertreiben sollte. Das ist ihm schwergefallen, weil damals italienische und französische Fahrradmarken viel bekannter waren. Und dann habe ich gesagt: Ich mache das! So bin ich auch als Unternehmer in die Fahrradbranche gekommen, verletzungsbedingt war meine Rennkarriere ohnehin vorbei.
Welche Fahrradmodelle waren damals besonders gefragt?
Es gab normale, sehr bequeme Stadträder mit Schutzblechen. 1977 trug Didi Thurau bei der „Tour de France“ 15 Tage das Gelbe Trikot des Gesamtführenden und das gipfelte in einem ersten Rennrad-Boom.
Sie haben sich von Anfang an auch sehr für das BMX engagiert und den Sport 1979 nach Deutschland geholt.
Mit meiner Vergangenheit als Kunstrad- und Querfeldeinfahrer lag mir das BMX natürlich. Unter dem Pseudonym Danny Duncan habe ich für das „TOUR“-Magazin gearbeitet. Ich bin die Tricks nachgefahren, habe Rennen organisiert und BMX-Bahnen gebaut: Nach Bremen-Vegesack gab es hier in Magstadt die zweite deutschlandweit. Ich war auch BMX-Fachwart im Bund Deutscher Radfahrer und bin durch ganz Deutschland gereist, um den Sport vorzustellen. Denn mit BMX konnte man der Jugend spielerisch das Radfahren beibringen. Leider ist die BMX-Bewegung damals relativ schnell wieder verschwunden. Heute ist dieser Sport olympisch und im Nachhinein ist es für mich eine Genugtuung, an den Wurzeln mitgearbeitet zu haben.
Sie brachten 1982 das erste deutsche Mountainbike auf den Markt. Haben Sie gleich das Potential von MTB erkannt?
Da muss ich schon etwas früher einsetzen: 1976 bin ich zum ersten Mal mit meinem Querfeldein-Rad durch das Karwendelgebirge gefahren, hatte drei Platten und merkte, dass ein Rad mit schmalen Reifen für diesen Untergrund nicht das Richtige ist. In Amerika sah ich 1980 dann MTB-Prototypen mit breiten Reifen, allerdings hat mir deren Geometrie nicht gefallen und ich habe per Hand eine kleine Zeichnung gemacht – darauf basierend wurde dann das erste CENTURION-Mountainbike gebaut.
Wie ging es dann weiter?
Viele unserer Mitbewerber wollten auf den Zug aufspringen, weil sie damals bei der BMX-Geschichte viel versäumt hatten. Sie dachten aber, dass man Mountainbikes ganz günstig bauen kann – die sind dann aber ziemlich schnell kaputt gegangen, weil das Drehmoment auf den Zahnkranz enorm war und die Nabenachsen verbogen hat. Erst mit der Zeitschrift „BIKE“ von Uli Stanciu setzte ab 1989 der richtige Boom ein. Auf einmal war das MTB hip, jeder wollte eines haben.
Woher hatten Sie das technische Verständnis, Räder zu bauen?
Die Geometrie kannte ich vom Querfeldein-Rad. Und ich musste früher meine Räder alle selbst montieren, die Laufräder einspeichen, alles selbst machen, weil kein Geld dafür da war – nicht so wie heute. Aber natürlich ist das Material von damals mit dem von heute nicht zu vergleichen.
Nach dem E-Bike-Boom zu Beginn der 2010er Jahre kam in den letzten fünf, sechs Jahren der Run auf Gravel-Bikes.
Im Grunde ist das Gravel-Bike ein verändertes Querfeldein-Rennrad mit breiteren Reifen, anderem Lenker, einer etwas anderen Geometrie, damit 45 mm breite Reifen durchpassen. Etwas ganz Neues ist das nicht – aber die Amerikaner sind schlau im Marketing und in Kalifornien gibt es eine Ganzjahressaison. Selbst bei uns kann man heute im Winter ganz gut Rad fahren, wenn man nicht allzu kälteempfindlich ist.
Hat Sie diese Entwicklung überrascht?
Ich muss zugeben, das Graveln hatte ich zunächst nicht so im Blick gehabt, weil ich gerne 29-Zoll-MTBs fahre. Heute setze ich mich öfters aufs Gravel-Bike. Was mich besonders freut: Mit dem Gravel-Bike sind auch viele Frauen unterwegs, das gab es früher nicht so. Und das technische Niveau ist in der Breite viel höher als früher.
Allerdings hat mir die Geometrie nicht gefallen und ich habe per Hand eine kleine Zeichnung gemacht – darauf basierend wurde dann das erste CENTURION-Mountainbike gebaut. Wolfgang Renner
CENTURION feiert 2026 das 50-jährige Jubiläum. Wie schafft man es, immer am Puls der Zeit zu bleiben?
Ich habe viele junge Mitarbeiter, die selbst Rad fahren, und die bringen neue Ideen rein. Und wir haben ein Entwicklungsteam und einen speziellen Mitarbeiter, der immer nur in die Zukunft denkt. Alle hier sind äußerst Rad-affin.
Gibt es eine Prognose, wie sich der Fahrradmarkt in Zukunft entwickeln wird?
Mich fragen viele: Was kommt nach dem E-Bike? Natürlich kann ich die Zukunft nicht voraussagen. Gerade wird über 32-Zoll-MTBs gesprochen. Als es nach den 26-Zoll-MTBs auch 29-Zöller gab, war ich anfangs skeptisch. Als ich es dann gefahren bin und es viel leichter über Steine oder Wurzeln hinwegging, hat es mir eingeleuchtet. Man muss immer neue Dinge bringen, um im Fahrradmarkt ganz vorne dabei zu sein. Manches funktioniert, anderes nicht. Fatbikes beispielsweise haben sich in Deutschland nicht durchgesetzt, auch da hatten wir Prototypen gebaut.
Wie kam die enge Zusammenarbeit zwischen einem schwäbischen Bike-Hersteller aus Magstadt und der Ferienregion Schwarzwald zustande – und das seit 2004?
Auf der Messe Eurobike habe ich mich vor mehr als 20 Jahren mit einem sehr sympathischen und empathischen Mann unterhalten, ich habe gleich gemerkt, in dem brennt das Rad-Feuer. Das war Bürgermeister Jörg Frey aus Schonach – und so war es eine Person, die die Basis für diese tolle Kooperation gelegt hat.
Was zeichnet den Schwarzwald als Raddestination aus?
Neben den für alle Ansprüche und alle Bike-Arten prädestinierten Strecken in tollen Naturlandschaften sind es für mich vor allem die freundlichen Menschen. Man kann überall einkehren und ich glaube, das ist für Radfahrer ganz wichtig. Früher hatten wir vom Querfeldein-Rennsport oft Trainingslager in Kirchzarten und so habe ich nach und nach den Schwarzwald per Rad entdeckt. Lange Zeit bin ich mit Freunden immer am Samstag zur Grünhütte bei Bad Wildbad geradelt, wir sind dort eingekehrt und haben dann vom Hohlohturm die Aussicht genossen.
Kann man den Schwarzwald als Wiege des Mountainbike-Sports bezeichnen?
Ganz sicher. Der Erfolg des Mountainbike-Sports dort ist eng mit Pionieren wie Jürgen Sprich und Jürgen Eckmann verbunden. In Kirchzarten gab es die erste deutsche MTB-Meisterschaft und dann auch die MTB-Weltmeisterschaft, seit 1997 den Black Forest Ultra Bike Marathon. Und heute eine Vielzahl toller MTB-Strecken.
Was haben Sie durch Ihre Bike-Reisen gelernt?
Ich bin Nachkriegskind und wir hatten wenig Geld. Damals gab es die Sanella-Bilder mit tollen Motiven aus der ganzen Welt. Das hat mich zum Träumen angeregt. Mit elf Jahren habe ich von meinem Vater zwei Bücher geschenkt bekommen: „Sieben Jahre in Tibet“ und „Die weiße Spinne. Die Geschichte der Eiger Nordwand“, beide vom österreichischen Bergsteiger Heinrich Harrer. Radfahren gab mir die Möglichkeit, die Welt zu entdecken. Nach einer Alpenüberquerung per Rennrad und Fernfahrten wie Trondheim-Oslo bin ich 1987 mit Andi Heckmair das erste Mal durch Tibet geradelt. Es war spannend zu sehen, wie es der Körper überhaupt aushält, 5000 Meter hohe Pässe zu fahren. Ich war dann noch mehrfach in Tibet, bei den Achttausendern wie Cho Oyu. In Ecuador bin ich die „Straße der Vulkane“ geradelt. Bis auf Neuseeland habe ich fast die ganze Welt gesehen. Aber in der Corona-Zeit habe ich wie so viele meine nähere Umgebung, den Schönbuch, neu entdeckt. Es gibt auf der Welt geschichtlich gesehen vielleicht Interessanteres – aber der Schwarzwald und die Alpen sind unvergleichlich.
Zur Person:
Wolfgang Renner, 1947 in Stuttgart geboren, ist im schwäbischen Magstadt aufgewachsen und gründete dort 1976 seine Fahrrad-Firma CENTURION (www.centurion.de). Das Firmenmotto „Passion for Design, Perfection and Quality“ wurde in puncto Entwicklung und Fertigung im Jahr 2000 durch das Joint-Venture mit MERIDA zukunftssicher ausgebaut. 2017 wurde Renner als Anerkennung für seine Verdienste als deutscher MTB-Pionier in die Mountain Bike Hall of Fame aufgenommen, 2022 erhielt er die Wirtschaftsmedaille des Landes Baden-Württemberg. Alle Infos rund ums Biken im Schwarzwald gibt es unter www.rad-schwarzwald.info
Text: Michael Gilg
Video-Porträt: Romy Baberske/Jens Großkreuz
Fotos: CENTURION, Jens Großkreuz/Schwarzwald Tourismus
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