Rund 88 Prozent der pflegebedürftigen Menschen in Deutschland werden zu Hause versorgt. Die Pflege durch Angehörige und andere nahestehende Menschen bildet damit das Fundament der pflegerischen Versorgung. Dennoch ist die größte Gruppe der Pflegenden in der bisherigen Zusammensetzung der Pflegestrukturkommission nicht mit einer eigenen Stimme vertreten.
„Wer über die Zukunft der Pflege entscheidet, muss die Menschen an den Tisch holen, die sie jeden Tag leisten. Anhörungen reichen dafür nicht aus. Pflegende Angehörige brauchen von Anfang an einen Sitz und eine Stimme“, sagt Sebastian Fischer, Vorstand wir pflegen e.V.
Reformen müssen sich an der Versorgungsrealität orientieren
Der Arbeitsauftrag der Pflegestrukturkommission umfasst unter anderem die Stärkung der häuslichen Pflege, die bessere Vereinbarkeit von Pflege und Beruf, wohn- und sektorenunabhängige Leistungen sowie soziale Teilhabe und Prävention. Reformvorschläge sollen auch danach bewertet werden, ob sie pflegende Angehörige tatsächlich entlasten.
Die bisherige Kommissionszusammensetzung bildet unterschiedliche juristische, gesundheitsökonomische, pflegewissenschaftliche und institutionelle Perspektiven ab. Auch die Interessen professionell Pflegender sind vertreten. Die organisierte Interessenvertretung pflegender An- und Zugehöriger fehlt hingegen.
„Die Ziele der Kommission können nur glaubwürdig erreicht werden, wenn eine Interessenvertretung pflegender An- und Zugehöriger oder jemand, der mit ausgewiesener Expertise diese Perspektive vertreten kann, gleichberechtigt beteiligt ist. An- und Zugehörige wissen aus eigener Erfahrung, wo Unterstützung fehlt und welche Entlastung gebraucht wird. Diese Expertise muss in der Kommission Gehör finden und die Entscheidungen mitgestalten“, betont Swen Staack, 1. Vorsitzender der Deutschen Alzheimer Gesellschaft e.V.
Verbände nominieren Sozialwissenschaftlerin
Mit Prof. Dr. Ott schlagen die drei Verbände eine ausgewiesene Expertin für häusliche Pflege, Pflegeversicherung, Familien- und Sozialpolitik sowie die Lebenslagen pflegender An- und Zugehöriger vor. Seit 2025 leitet sie als unparteiische Vorsitzende den erweiterten Qualitätsausschuss Pflege nach § 113b SGB XI und wirkt an der S2k-Leitlinie „Pflegende Angehörige von Erwachsenen“ mit. Sie forscht unter anderem zur Gerechtigkeit der Sozialen Pflegeversicherung und zum monetären Wert der Pflege durch Angehörige. Sie hat selbst jahrelang ihre Eltern gepflegt und engagiert sich bei wir pflegen e.V.
Kornelia Schmid, Vorständin Pflegende Angehörige e.V. erklärt: „Die Reform darf nicht allein von Leistungsansprüchen und professionellen Versorgungsangeboten hergedacht werden. Sie muss auch die Realität pflegender Familien anerkennen. Statt pflegenden Angehörigen mit Misstrauen, starren Vorgaben und Leistungskürzungen zu begegnen, muss Politik ihre Selbstbestimmung stärken und verlässliche, flexible Entlastung ermöglichen.“
Aus Sicht der Verbände sollte nicht allein die Frage geklärt werden, wie die Pflegeversicherung finanziert wird, sondern auch wie notwendige Pflege künftig überhaupt verlässlich geleistet werden kann. Schon heute fehlen vielerorts Fachkräfte, ambulante Angebote, Kurzzeitpflegeplätze und erreichbare Entlastungsstrukturen. Ohne die vertrauensvollen Ressourcen der Familien, des sozialen Umfelds und der Zivilgesellschaft ist die Versorgung nicht aufrechtzuerhalten. Diese Ressourcen dürfen jedoch weder als selbstverständlich verfügbar noch als unbegrenzt belastbar behandelt werden.
Hintergrund
In Deutschland leben heute etwa 1,8 Millionen Menschen mit Demenzerkrankungen. Mehr als zwei Drittel davon werden in der häuslichen Umgebung von Angehörigen betreut und gepflegt. Jährlich erkranken etwa 360.000 Menschen im Alter 65+ neu an einer Demenz. Ungefähr 60 Prozent davon haben eine Demenz vom Typ Alzheimer. Die Zahl der Demenzerkrankten wird bis 2050 auf bis zu 2,6 Millionen steigen, sofern kein Durchbruch in Prävention und Therapie gelingt.
Die Deutsche Alzheimer Gesellschaft engagiert sich für ein besseres Leben mit Demenz. Sie unterstützt und berät Menschen mit Demenz und ihre Familien. Sie informiert die Öffentlichkeit über die Erkrankung und ist ein unabhängiger Ansprechpartner für Medien, Fachverbände und Forschung. In ihren Veröffentlichungen und in der Beratung bündelt sie das Erfahrungswissen der Angehörigen und das Expertenwissen aus Forschung und Praxis. Als Bundesverband von rund 130 Alzheimer-Gesellschaften unterstützt sie die Selbsthilfe vor Ort. Gegenüber der Politik vertritt sie die Interessen der Betroffenen und ihrer Angehörigen. Die DAlzG setzt sich ein für bessere Diagnose und Behandlung, mehr kompetente Beratung vor Ort, eine gute Betreuung und Pflege sowie eine demenzfreundliche Gesellschaft.
Die Deutsche Alzheimer Gesellschaft ist als Interessenvertreterin von Menschen mit Demenz und ihren Angehörigen im Lobbyregister des Deutschen Bundestags eingetragen und hat sich dem dafür geltenden Verhaltenskodex verpflichtet.
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