Fotoprojekt „Anderwelt“: Wo die Einsamkeit durch Trauer ein Gesicht bekommt

 

„Anderwelt“ mit berührenden Porträts und Texten

Der hannoversche Lyriker und Fotograf Bert Strebe zeigt mit seinem Fotoprojekt „Anderwelt“ berührende Porträts und Texte von Hinterbliebenen. Die Ausstellung macht eine besondere Form der Einsamkeit sichtbar: jene, die entstehen kann, wenn ein geliebter Mensch stirbt – und die für Außenstehende oft schwer nachzuvollziehen ist.

Bert Strebe hat Hinterbliebene an Orten porträtiert, die sie mit ihren Verstorbenen verbinden, und ihre persönlichen Gedanken in Texten festgehalten. In unserem Interview spricht er darüber, wie seine 23 Schwarzweißfotografien die unsichtbare Gegenwart der Toten im Leben der Trauernden sichtbar machen und warum die Grenze zu dieser „Anderwelt“ oft viel durchlässiger ist, als wir denken. Das von der Unionhilfswerk-Förderstiftung unterstützte Projekt wird derzeit im Julius-Grieneisen-Haus, Fürstenbrunner Weg 10 in Berlin-Charlottenburg gezeigt.

Der Titel „Anderwelt“ stammt aus der keltischen Mythologie. Was fasziniert Sie an dieser Welt mit durchlässigen Grenzen, und wie entstand die Projektidee?

Ich war froh, als ich bei meinen Recherchen zu dem Projekt auf die keltische Anderwelt gestoßen bin, in der das Jenseits keine strikt von der Welt der Lebenden getrennte Sphäre ist – anders als meistens bei uns. Meine persönliche Erfahrung ist: Meine Toten sind nicht einfach tot und begraben und weg, sondern für mich immer noch spürbar. Deswegen habe ich mir den Begriff Anderwelt ausgeliehen. Schon vorher hatte ich gemerkt, dass auch andere Menschen so empfinden, vor allem, wenn sie erst vor kurzer Zeit jemanden verloren haben. Sie reden nur oft nicht darüber, weil sie Angst haben, dass man sie für Spinner hält.

Sie sagen, Sie fotografieren die Lebenden zusammen mit ihren Toten. Wie machen Sie dieses Unsichtbare in den Gesichtern und Gesten der Trauernden sichtbar?

Ich mache nichts sichtbar. Ich habe überhaupt ziemlich wenig getan, außer auf den Auslöser zu drücken. Und vorher oft lange zuzuhören, wenn mir die Menschen ihre Geschichte erzählt haben. Nein, die Trauernden spüren ihre Toten, und wenn sie das tun, während ich fotografiere, landet diese Empfindung auf verschlungenen Wegen, die ich nicht erklären kann, in dem Bild. Manchmal springt es einem direkt entgegen. Es ist der Blick, die Haltung. Bei einigen Aufnahmesessions konnte sogar ich als eigentlich Fremder die Anwesenheit der Verstorbenen spüren. Aber das funktioniert nicht immer.

Für dieses tief persönliche Projekt haben Sie 23 Menschen porträtiert. Wie haben Sie die Hinterbliebenen gefunden und deren Vertrauen gewonnen?

Manche von ihnen kannte ich schon länger und wusste, dass sie um jemanden trauerten, und habe sie dann einfach gefragt. Außerdem gab es eine Art Schneeballsystem, jemand kannte jemanden, der jemanden kannte, und hat mich weiterempfohlen. Zum Teil habe ich auch aktiv gesucht, zum Beispiel habe ich die Verwaisten Eltern in Hannover gefragt, ob sie den Kontakt zu einem Vater herstellen könnten, weil ich zu wenig Männer in dem Projekt hatte. Männer sind ja immer etwas verhalten mit ihren Gefühlen. Und es gab Empfehlungen, bestimmte Menschen zu fragen, ob sie dabei sein wollten, von Bekannten, vom Unionhilfswerk, aber auch von einem Kunstverein, der die Bilder zeigen wollte. Dem bin ich jeweils gern gefolgt. Und wie das Vertrauen entstanden ist? Da müssen Sie die Menschen fragen, die ich porträtiert habe.

Gab es während der Shootings an den persönlichen Erinnerungsorten einen Moment, der Sie als Fotograf und Lyriker besonders tief berührt hat?

Jeder Moment an jedem Ort. Das war tatsächlich so. Jeder Mensch, jeder Tote, jede Geschichte ist einzigartig. Ich fand es immer toll, wie sich alle ihrem Schmerz gestellt haben.

Trauer isoliert oft. War das gemeinsame Schaffen von Bild und Text für die Teilnehmenden auch ein Weg, aus dieser Einsamkeit auszubrechen?

In jedem Fall ist es heilsam, über Verlust und Trauer zu sprechen. Sie nicht wegzuschieben, sondern mitten hineinzugehen, was wir mit den Fotoshootings zwangsläufig gemacht haben. Aber genau das hilft – zumindest meiner Erfahrung nach – sowohl über einen Teil des Schmerzes als auch zumindest momentweise über die Einsamkeit hinweg. Ich erinnere mich, dass meine Mutter, die inzwischen auch nicht mehr lebt, nach dem Tod meines Vaters praktisch alle ihre Freunde verloren hat, weil diese Leute Angst hatten, über den Tod zu sprechen. Meine Mutter wollte und musste aber genau darüber reden. Das hat sie sehr einsam gemacht. Ich habe versucht, jeden Tag mit ihr zu telefonieren und sie öfter zu besuchen.

Tod ist oft ein Tabu. Welche Reaktionen beobachten Sie bei den Besuchern, und kann die Ausstellung die Einsamkeit anderer Trauernder lindern?

Die meisten Besucherinnen und Besucher haben sich die bisher gelaufenen Anderwelt-Ausstellungen bewusst ausgesucht, um sie anzusehen, sie sind nicht aus Versehen reingeraten. Wer das Thema Tod als Tabu betrachtet, bleibt meist lieber weg. Bei den anderen konnte ich manchmal schon an der Art und Weise, wie sie von Foto zu Foto und von Text zu Text gingen, merken, dass sie vor nicht allzu langer Zeit jemanden verloren hatten. Manchmal kamen sie hinterher zu mir und haben mir von sich selbst erzählt. Das ist für mich immer ein Riesengeschenk. Einige haben gesagt, dass ihnen die Ausstellung geholfen hat, weil sie gemerkt haben: Sie sind mit ihrem Schmerz nicht allein. Und allein dafür hat sich das alles doch schon gelohnt.

Welchen Impuls möchte „Anderwelt“ der Gesellschaft mitgeben, und wie hat das Projekt Ihren eigenen Blick auf das Sterben verändert?

Ich finde es immer ein bisschen schwierig mit den Impulsen für die Gesellschaft. Ich habe keine Botschaften, ich erzähle nur Geschichten. Und ich habe aus dem Projekt im Grunde das gleiche Gefühl mitgenommen, das die anderen ebenfalls mitgenommen haben: Ich bin nicht allein. Und die Toten sind nicht weg. Beides empfinde ich als sehr tröstlich.

Unionhilfswerk-Kampagne Gemeinsam mehr Wir – Einsamkeit begegnen

Einsamkeit ist für uns ein Thema, dem wir nicht nur Aufmerksamkeit schenken, sondern dem wir konkret und dauerhaft begegnen wollen.

Mit der Kampagne „Gemeinsam mehr Wir – Einsamkeit begegnen“ machen wir im Oktober und November 2026 auf das Thema aufmerksam: im Berliner Stadtbild und in zahlreichen Begegnungsformaten: mit Großflächenplakaten, Veranstaltungen, Beiträgen in den sozialen Medien, Informationsmaterialien und Einblicken in Angebote, die Gemeinschaft ermöglichen.

Die Kampagne soll Einsamkeit enttabuisieren, Menschen ermutigen, hinzusehen und miteinander ins Gespräch zu kommen – und zugleich Wege aufzeigen, wie Betroffene Unterstützung finden und Berliner*innen selbst aktiv werden können.

Einsamkeit ist kein Randthema. Sie kann Menschen in jeder Lebensphase und in ganz unterschiedlichen Lebenssituationen treffen – auch mitten in einer Großstadt wie Berlin. Sie entsteht nicht nur, wenn soziale Kontakte fehlen, sondern auch dort, wo Zugehörigkeit, Austausch und verlässliche Beziehungen verloren gehen. Besonders nach einem schweren Verlust kann sich das Gefühl verstärken, mit der eigenen Trauer und dem eigenen Alltag allein zu sein.

Langfristig und nachhaltig „Gemeinsam mehr Wir“

Unser Engagement endet nicht mit den Aktionsmonaten. „Gemeinsam mehr Wir“ ist das verbindende Dach für bestehende und künftige Angebote des Unionhilfswerks rund um Begegnung, Teilhabe und soziale Verbundenheit. Weitere Informationen, Angebote und Möglichkeiten zum Mitmachen finden Sie auf: unionhilfswerk.de/gemeinsam-mehr-wir

Wir im Unionhilfswerk begleiten Menschen in vielfältigen Lebenssituationen: ältere und pflegebedürftige Menschen, Menschen mit Beeinträchtigung, wohnungslose Menschen, Familien und junge Menschen. Unsere rund 3.000 Mitarbeitenden und mehr als 1.400 Freiwilligen erleben täglich , wie wichtig Begegnung, Ansprache und Teilhabe sind.

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