Über das Wirken wirken

Als die Stuttgarter Apothekerin Dorothee Gauss 1967 nach Ingelfingen zog, um den Unternehmer Christian Bürkert zu heiraten, begann für sie ein neues Leben – und für das Kochertal eine Geschichte, die bis heute nachwirkt.

Die Wende kam unvermittelt und sie war tragisch: Am 21. Oktober 1971 verschwand Christian Bürkert mit seinem Flugzeug über dem Atlantik. Das von ihm gegründete mittelständische Unternehmen stand vor dem Aus: Deutschland steckte in der Rezession, und kaum jemand traute der Firma das Überleben zu. Für Dorothee Bürkert aber war die Entscheidung klar – sie würde das Werk ihres Mannes mit den Beschäftigten weiterführen, statt es zu verkaufen. „Ein bezeichnendes Merkmal Dorles war Treue“, erinnert sich ihr Bruder Ulrich Gauss, ehemaliger Oberbürgermeister von Waiblingen. „Für sie kam es praktisch nicht infrage zu sagen: Ich höre auf, weil es schwierig wird.“

Drei Jahrzehnte engagierte sich Dorothee Bürkert in dem Unternehmen – und hatte dabei vor allem die Menschen in der Region im Blick. Die Sicherung der Arbeitsplätze war für die studierte Pharmazeutin das Maß aller Dinge. Einen Satz aus den 1990er-Jahren zitieren Weggefährten bis heute: „Wenn dem Management nichts Besseres einfällt, als aus Kostengründen in Billiglohnländer zu gehen, dann sollten nicht die Mitarbeiter entlassen werden, sondern das Management.“ Während andere Unternehmen ihre Produktion ins Ausland verlagerten, ging Bürkert einen eigenen Weg: Vier zuvor fest angestellte Meister machten sich – finanziell von Bürkert unterstützt – im Kochertal selbstständig und übernahmen Aufträge zu flexibleren Bedingungen, ganz ohne Entlassungen. Alle vier Betriebe bestehen bis heute und haben sich gut entwickelt.

Wie weit ihr Gemeinschaftssinn reichte, zeigte 1997 die „Initiative für mehr Beschäftigung“. Als die Arbeitslosigkeit in Deutschland auf über vier Millionen stieg, verzichtete die Belegschaft vorübergehend auf Teile von Weihnachts- und Urlaubsgeld und gewährte dem Unternehmen damit faktisch ein Darlehen; im Gegenzug finanzierten die Gesellschafter Neueinstellungen und verzichteten auf betriebsbedingte Kündigungen. Dutzende Fachkräfte fanden so im Kochertal Arbeit – ein solidarisches Modell, das bundesweit Beachtung fand.

Das Unternehmen wuchs in der Region: In den Werken Gerabronn, Triembach-au-Val im Elsass und Öhringen wurden zusätzliche Fertigungskapazitäten geschaffen. 1989 entstand im Nachbarort Criesbach ein hochmodernes Produktionsgebäude. So sehr Dorothee Bürkert das Große plante, so sehr blieb sie auch dem Einzelnen zugewandt. Sie kannte die Namen der Auszubildenden, begrüßte jeden mit einem persönlichen „Wie geht’s Ihnen?“ und hatte oft kleine Mitbringsel in der Handtasche – Langenburger Wibele etwa. „Wenn bekannt wurde, dass Frau Bürkert in die Firma kommen würde, freuten sich besonders die Mitarbeitenden in der Produktion“, erinnert sich Heribert Rohrbeck, von 2005 bis 2022 CEO der Bürkert-Gruppe. „Sie wussten, sie würde sich Zeit für sie nehmen.“ Bei Firmenjubiläen und der jährlichen Seniorenfeier war sie von Menschen umringt. „Die Belegschaft hat sie gefeiert wie einen Popstar“, erzählt ihr Neffe Niko Gauss – und das, obwohl sie nie eine war, die sich auf die Bühne drängte.

Ihr Engagement reichte weit über die Werkstore hinaus. Bereits 1978 gründete Dorothee Bürkert eine gemeinnützige Stiftung und ließ Erträge des Unternehmens dem Gemeinwohl zugutekommen – mit einem klaren Schwerpunkt auf der Region. Gefördert wurden unter anderem der Neubau des Kindergartens Hälden, die Sanierung des denkmalgeschützten „Schwarzen Hofs“ in Ingelfingen, ein Bildungszentrum in Niederstetten und ein Projekt für benachteiligte Kinder und Jugendliche in Heilbronn; Stipendienprogramme verbanden die Hochschule Heilbronn und die Berufsakademie Mosbach mit der Welt. Sozialprojekte mit regionalem Bezug, die Förderung von Nachwuchskräften und kirchliche Anliegen in Hohenlohe blieben ihre Herzenssache. 1996 wurde Dorothee Bürkert für ihr unternehmerisches Handeln mit der Verdienstmedaille des Landes Baden-Württemberg ausgezeichnet, Ingelfingen ernannte sie zur Ehrenbürgerin.

Bei alldem blieb sie auffallend bescheiden. „Ihr war wichtig, dass sie über das Wirken wirkt“, sagen Weggefährten. Am 19. Juli 2012 starb Dorothee Bürkert in Stuttgart, einen Monat vor ihrem 86. Geburtstag. Ihr Vermächtnis bleibt lebendig: Seit 2024 trägt die Stiftung auch ihren Namen – die Christian und Dorothee Bürkert Stiftung – und fördert weiterhin Bildung, Wissenschaft und Gemeinwohl, gerade in Hohenlohe.

Über die Christian und Dorothee Bürkert Stiftung

Die gemeinnützige Christian und Dorothee Bürkert Stiftung mit Sitz in Ingelfingen geht auf die 1978 von Dorothee Bürkert gegründete Christian Bürkert Stiftung zurück. Sie fördert junge Talente, engagiert sich für faire Bildungschancen und unterstützt Forschungsprojekte. Im Umfeld der Standorte des Unternehmens setzt sie sich für soziale und kulturelle Projekte ein.

Über Bürkert Fluid Control Systems

Die Bürkert Fluid Control Systems mit Sitz in Ingelfingen zählt zu den weltweit führenden Anbietern von Mess-, Steuer- und Regelungstechnik für Flüssigkeiten und Gase. Das 1946 von Christian Bürkert gegründete Familienunternehmen beschäftigt weltweit mehr als 3.700 Mitarbeitende und unterhält Produktionsstandorte in Deutschland, Frankreich, China, den USA und Indien.

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