Klaus-Grohe-Preis 2026 erstmals an zwei Forscher
Edward Tate prägte die chemische Biologie der Proteinlipidierung – also die Frage, wie Zellen Fettmoleküle an Proteine anheften. Dieser Vorgang steuert Tausende Proteine, blieb aber lange unerforscht, weil die passenden Werkzeuge fehlten. Tates Labor erfand sie: bioorthogonale Sonden, die Zellprozesse nicht stören und heute als Goldstandard gelten. Weltweit sind sie im Einsatz.
Aus der Grundlagenforschung wurden Therapien, die etwa die Vermehrung von Viren blockieren oder Tumorzellen angreifen. Tate ist zudem Mitgründer des Unternehmens Myricx Bio, das über 120 Millionen Dollar einsammelte. Es entwickelt Hemmstoffe des Enzyms N-Myristoyltransferase, das Krebszellen am Leben hält. Diese stecken in zielgenauen Antikörper-Wirkstoff-Konjugaten für die Krebstherapie und sollen bald in erste klinische Studien gehen.
Nicolas Winssinger nutzt Nukleinsäuren (die Bausteine des Erbmoleküls) auf ungewöhnliche Weise. Sonst tragen sie nur Erbinformation, bei ihm aber steuern sie chemische Reaktionen und den Aufbau von Molekülen. So entstehen molekulare Schaltkreise mit molekularer Logik, die wie Sensoren auf Signale im Körper reagieren und daraufhin etwa einen Wirkstoff freisetzen.
Das eröffnet Wege für „intelligente“ Medikamente und Diagnostik. Sein jüngster Erfolg ist ein programmierbares Antikoagulans (Mittel gegen Blutgerinnung), dessen Wirkung sich gezielt an- und abschalten lässt. Gerade für sicherheitskritische Therapien ist das wertvoll. Es stellt eine völlig neue Art von Behandlung dar.
Der Klaus-Grohe-Förderpreis 2026 würdigt das junge, rasch wachsende Forschungsprogramm von Sebastian Pomplun zu neuartigen chemischen Wirkprinzipien. Pomplun stellt zellgängige Miniproteine synthetisch her, um damit gezielt Transkriptionsfaktoren (Schaltstellen der Genregulation) anzusprechen. Zudem entwickelt er massenspektrometriebasierte Plattformen für das Durchsuchen großer Substanzbibliotheken. Der Beirat würdigt insbesondere seine Kreativität und Produktivität.
Zur Person: Edward Tate
Edward William Tate (geb. 1975) studierte bis 1996 Chemie an der University of Durham, Vereinigtes Königreich, und promovierte bis 2000 in Organischer Chemie an der University of Cambridge, Vereinigtes Königreich. Nach Postdoktoraten an der École Polytechnique und am Institut Pasteur, Paris, Frankreich (2000–2003), war Tate ab 2004 wissenschaftlicher Mitarbeiter. Ab 2006 war er BBSRC-Forschungsstipendiat, ab 2010 Senior Lecturer und ab 2012 Reader am Imperial College London, Vereinigtes Königreich. Von 2019 bis 2021 war er wissenschaftlicher Leiter bei Myricx Bio. Seit 2014 ist er Professor für Chemische Biologie, seit 2023 Inhaber des GSK-Lehrstuhls für Chemische Biologie am Imperial College London; seit 2017 zudem Satellite Group Leader am Francis Crick Institute, London. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter den RSC Corday-Morgan-Preis (2020), gründete mehrere Biotechnologieunternehmen und wurde zu über 200 Vorträgen international eingeladen.
Zur Person: Nicolas Winssinger
Nicolas Winssinger (geb. 1970 in Belgien) studierte bis 1993 Chemie an der Tufts University, Medford, USA. Er promovierte bis 2000 in Chemie am Scripps Research Institute, La Jolla, USA, und absolvierte dort bis 2002 ein Postdoktorat. Nach einer Tätigkeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter bei Sphinx Pharmaceuticals (1993–1995) war er assoziierter Professor an der Université Louis Pasteur, Straßburg, Frankreich (2002–2005), und anschließend Professor an der Université de Strasbourg, Straßburg, Frankreich (2005–2012), wo er das Labor für organische und bioorganische Chemie leitete. Seit 2012 ist Winssinger Professor am Departement für Organische Chemie der Universität Genf, Genf, Schweiz. Zeitweise leitete er das Departement, seit 2021 ist er Präsident der Sektion Chemie und Biochemie. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter den ERC Young Investigator Award (2008) und den Prix Guy Ourisson (2008).Winssinger ist und war Mitglied zahlreicher Gremien und Fachbeiräte und verfasste 220 Artikel sowie 11 Patente.
Zur Person Sebastian Pomplun
Sebastian J. Pomplun (geb. 1985) studierte bis 2011 Chemie und pharmazeutische Technologien an der Universität „La Sapienza", Rom, Italien. Er promovierte 2015 in Organischer und Medizinischer Chemie am Max-Planck-Institut für Psychiatrie/LMU München. Anschließend war er Postdoktorand bei Roche Diagnostics in Penzberg (2015–2018), sowie am Massachusetts Institute of Technology, Boston, USA (2019–2021). Ab 2021 war er Assistenzprofessor am Leiden Academic Centre for Drug Research (LACDR) der Universität Leiden, Niederlande, seit 2024 zudem Oncode Junior Investigator. Seit Mai 2024 ist er dort außerordentlicher Professor für Wirkstoffforschung. Zusätzlich ist er seit 2026 wissenschaftlicher Leiter (CSO) des Biotechnologieunternehmens PeptoTx. Er warb über 4 Millionen Euro Forschungsförderung ein, darunter einen ERC Starting Grant, meldete über zehn Patente an und veröffentlichte zahlreiche Arbeiten als korrespondierender Autor.
Zum Klaus-Grohe-Preis
Der Klaus-Grohe-Preis wird seit 2020 an Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler verliehen, die sich durch exzellente Arbeiten bei der Erforschung neuer Prinzipien der Wirkstoffforschung verdient gemacht haben und deren Forschungsergebnisse einen wichtigen Beitrag hin zur Anwendung leisten. Der Preis ist mit 75.000 Euro dotiert und wird alle zwei Jahre vergeben.
Zum Klaus-Grohe-Förderpreis
Der Klaus-Grohe-Förderpreis für Medizinische Chemie wurde ins Leben gerufen, um Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler an europäischen Forschungseinrichtungen zu unterstützen. Das Preisgeld beträgt 25.000 Euro und darf ausschließlich für Forschungszwecke verwendet werden.
Zur Klaus-Grohe-Stiftung
Der Stifter Professor Dr. Klaus Grohe (geboren 1934) entwickelte während seiner beruflichen Tätigkeit als Forschungschemiker bei der Bayer AG mit großem Erfolg wichtige innovative Medikamente. Im Jahr 2001 errichtete das Ehepaar Klaus und Eva Grohe bei der Gesellschaft Deutscher Chemiker die Klaus-Grohe-Stiftung, die hoch qualifizierte junge Menschen anregen will, sich dem anspruchsvollen interdisziplinären Wissenschaftsfeld der Medizinischen Chemie und Wirkstoffforschung zuzuwenden.
Die Gesellschaft Deutscher Chemiker (GDCh) ist mit rund 28 000 Mitgliedern eine der größten chemiewissenschaftlichen Gesellschaften weltweit. Die GDCh verwaltet treuhänderisch zahlreiche unselbständige Stiftungen. Zweck dieser Stiftungen ist die Vergabe von Preisen, Förderpreisen und Stipendien. Über die Vergabe der Preise, Förderpreise und Stipendien entscheiden Stiftungsbeiräte. www.gdch.de
Gesellschaft Deutscher Chemiker e.V.
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