„Ein Festival ist kein Subventionsfall, sondern ein Kulturversprechen“
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Montag, März 9, 2026
25 Jahre INDEPENDENT DAYS – das klingt nach einer Erfolgsgeschichte. Ist es das auch?
Die INDEPENDENT DAYS begannen 1998 als studentisches Abenteuer an der damaligen Universität Karlsruhe. Ein kleines Team der Filmwerkstatt Karlsruhe organisierte mit viel Enthusiasmus, aber wenig Erfahrung das erste Festival – unterstützt vom Studentischen Kulturzentrum sowie Partnern wie der VadUK, dem AKK und dem Akademischen Filmkreis AfK.
Frühe Experimente wie eine Open-Air-Ausgabe im Jahr 2001 – die wegen eines Sturms abgebrochen werden musste – prägten die Entwicklung ebenso wie der Umzug in das Kulturzentrum Tempel 2003 und später in die „Kurbel“. Ein entscheidender Meilenstein folgte 2007 mit dem Umzug in die SCHAUBURG, wo das Festival bis heute beheimatet ist.
2008 übernahm ich die Festivalleitung von Gründungsleiter Michael Nagenborg. Aus der studentischen Initiative entwickelte sich so Schritt für Schritt ein international ausgerichtetes Filmfestival – getragen von viel Engagement, Lernprozessen und der Leidenschaft für unabhängiges Kino.
Heute präsentieren wir 156 Filme aus 34 Ländern. Dem stehen über 1.100 Einreichungen aus mehr als 90 Staaten gegenüber – ein filmischer Kosmos von über 500 Stunden Material, den unser ehrenamtliches Programmkomitee sichtet, diskutiert und manchmal auch leidenschaftlich verteidigt.
Dass ein vollständig ehrenamtlich organisiertes Filmfestival ein Vierteljahrhundert überlebt, ist alles andere als selbstverständlich. Zumal wir gerade in den letzten Jahren eine bemerkenswerte Abfolge globaler Krisen erlebt haben: Pandemie, Krieg in Europa, Energiekrise, wirtschaftliche Unsicherheiten, gesellschaftliche Polarisierung. Kulturveranstaltungen reagieren auf solche tektonischen Verschiebungen oft besonders sensibel – und manchmal auch besonders früh.
Sie sprechen inzwischen offen von einer finanziellen Schieflage. Wie ernst ist die Situation?
Man muss die Situation nüchtern betrachten: Sie ist ernst. Die Kürzungen der Stadt Karlsruhe treffen uns gleich doppelt – institutionell über unseren Trägerverein Filmboard Karlsruhe und projektbezogen beim Festival selbst.
Zwar erhalten wir erstmals Mittel aus einem Landesprogramm für kleinere Festivals, was uns natürlich sehr freut und auch ein wichtiges Signal darstellt. Allerdings handelt es sich um eine sogenannte Komplementärförderung. Das bedeutet: Sinkt der kommunale Zuschuss, reduziert sich automatisch auch der Anteil des Landes.
Gleichzeitig steigen die Kosten in nahezu allen Bereichen – Druck, Reisen, Unterbringung, technische Dienstleistungen. Selbst die Anzeigenfinanzierung unseres Programmheftes und der Festival-Sonderseiten in den Badischen Neuesten Nachrichten wird in wirtschaftlich angespannten Zeiten zunehmend schwieriger.
Wir versuchen gegenzusteuern – mit Crowdfunding, mit einem neu gegründeten Freundeskreis und mit neuen Partnerschaften. Aber letztlich bleibt eine kulturpolitische Grundfrage bestehen: Welche kulturelle Infrastruktur möchte sich eine Stadt wie Karlsruhe, immerhin eine UNESCO City of Media Arts, langfristig leisten?
Warum lohnt es sich dennoch, dieses Festival zu erhalten?
Weil unabhängiges Kino sonst häufig unsichtbar bleiben würde. Die Filmgeschichte zeigt ja sehr deutlich, dass viele ästhetische Innovationen nicht aus den großen Studiosystemen hervorgegangen sind, sondern aus den unabhängigen Produktionskulturen.
Mit der Digitalisierung hat sich diese Entwicklung noch einmal verstärkt. Produktionsmittel sind zugänglicher geworden – eine Entwicklung, die ich gerne als „Demokratisierung des Filmsystems“ bezeichne.
Und mit den neuen KI-Werkzeugen steht möglicherweise bereits die nächste große Transformation bevor. Gerade deshalb braucht es Orte, an denen solche Entwicklungen reflektiert und kuratorisch begleitet werden.
Festivals wie die INDEPENDENT DAYS sind gewissermaßen Frühwarnsysteme des Kinos. Wir entdecken Talente häufig lange bevor sie im etablierten Filmbetrieb sichtbar werden.
Künstliche Intelligenz spielt in diesem Jahr eine besondere Rolle im Programm.
Ja, weil wir diese Entwicklung nicht einfach passiv beobachten wollen. KI verändert derzeit viele Produktionsprozesse – vom Drehbuch über visuelle Effekte bis hin zur Postproduktion.
Uns interessiert dabei weniger die technologische Faszination als vielmehr die ästhetische Frage: Welche neuen Bildsprachen entstehen? Welche Formen von Narration werden möglich? Und welche ethischen Fragen wirft diese Technologie auf?
Dass wir in diesem Jahr erstmals einen Preis für den besten KI-Film verleihen, ist daher keine technologische Spielerei, sondern eine kuratorische Entscheidung.
Viele Filme greifen gesellschaftliche Konfliktlinien auf – Migration, ökologische Krisen, mentale Gesundheit. Gibt es eine politische Programmatik?
Ich würde eher von einer kuratorischen Sensibilität sprechen. Filme sind immer auch Zeitdokumente. Wenn sich gesellschaftliche Spannungen verdichten, dann spiegeln sich diese zwangsläufig auch im Kino wider.
Ein Festival sollte jedoch kein politisches Manifest formulieren. Seine Aufgabe besteht eher darin, sichtbar zu machen, welche Fragen unsere Gegenwart beschäftigen. In diesem Sinne funktioniert ein Filmfestival vielleicht am ehesten wie ein kultureller Seismograf.
Warum Spanien als Gastland?
Die spanische Filmkultur gehört seit Jahrzehnten zu den vitalsten und zugleich eigenwilligsten in Europa. Spätestens seit Pedro Almodóvar hat das spanische Kino gezeigt, mit welcher Selbstverständlichkeit sich persönliches Autorenkino, Genre-Spiel und gesellschaftliche Beobachtung miteinander verbinden lassen.
Diese Tradition setzt sich heute in einer neuen Generation unabhängiger Filmschaffender fort – formal mutig, genreoffen und thematisch durchaus kompromisslos.
Unser Eröffnungsfilm „Incinerate“ steht exemplarisch für diese Energie: atmosphärisch dicht, psychologisch intensiv und visuell sehr präzise gearbeitet. Ein Eröffnungsfilm sollte immer auch eine programmatische Geste sein – eine Einladung, sich auf die ästhetische Vielfalt des Festivals einzulassen. Dies zeigen alle 15 spanische Filmwerke, die wir ins Programm aufgenommen haben, auf besondere Art und Weise.
Sie betonen immer wieder die Bedeutung von Genrevielfalt.
Das hat durchaus historische Gründe. Die deutschsprachige Filmproduktion hat sich über viele Jahre hinweg stark auf einige wenige Genres konzentriert – vor allem Komödie, Drama und Krimi. Wenn man mit deutschen Redakteuren oder Produzenten spricht, heißt es dann immer wieder: „Unser Publikum will das so!“
Solche Filmproduktionen sind natürlich legitime Formen, aber das Kino kann sehr viel mehr sein. Gerade im Independent-Bereich entstehen faszinierende Arbeiten im Bereich von Science-Fiction, Horror oder Fantasy – Genres, die oft besonders geeignet sind, gesellschaftliche Fragen allegorisch zu verhandeln. Und unser Publikum zeigt uns seit vielen Jahren, dass diese Vielfalt keineswegs nur ein cinephiles Spezialinteresse ist.
Neu sind Triggerhinweise im Programm. Warum dieser Schritt?
Wir verstehen das Festival als einen Ort, an dem sich möglichst viele Menschen wohlfühlen sollen. Einige Filme behandeln Gewalt, Traumata oder Tierleid – Themen, die für manche Zuschauerinnen und Zuschauer belastend sein können. Triggerhinweise ermöglichen eine informierte Entscheidung. Es geht also nicht um Einschränkung, sondern um Transparenz.
Welche Rolle spielt die XR-Area im Festival?
Die XR-Area in der Badischen Landesbibliothek ist gewissermaßen ein Labor für neue Formen des Storytellings. Hier können Besucherinnen und Besucher mittels VR-Technologie narrative Räume betreten und Geschichten auf eine sehr unmittelbare Weise erleben.
Unter anderem zeigen wir dort eine neue Episode unseres interaktiven Demokratieprojekts „Im Labyrinth der Demokratie: Finde Deinen Weg!“. XR erweitert den klassischen filmischen Raum – und eröffnet insbesondere für jüngere Generationen neue Zugänge zum Erzählen.
Streaming-Plattformen dominieren heute den Filmmarkt. Welche Rolle können Filmfestivals noch spielen?
Streaming-Plattformen arbeiten mit Algorithmen – und Algorithmen empfehlen in der Regel das, was bereits erfolgreich war. Filmfestivals funktionieren allerdings völlig anders. Sie kuratieren, sie entdecken, sie schaffen Kontext.
Vor allem aber sind sie soziale Räume. Kino entsteht nicht nur auf der Leinwand, sondern auch im Gespräch danach. Das gemeinsame Filmerlebnis im dunklen Kinosaal – dieses kurze, kollektive Verschwinden aus der Welt – bleibt für Cineasten durch nichts zu ersetzen.
Wo sehen Sie die INDEPENDENT DAYS im Jahr 2035?
Ich wünsche mir ein strukturell abgesichertes Festival mit stabiler finanzieller Basis, einem weiter ausgebauten XR- und KI-Bereich und einer noch stärkeren europäischen Vernetzung. Vor allem aber wünsche ich mir, dass die INDEPENDENT DAYS weiterhin das bleiben, was sie immer waren: ein unabhängiger Ort für neugieriges Kino. Denn ein Festival ist kein Subventionsfall – es ist ein Kulturversprechen. Und dieses Versprechen möchten wir auch in Zukunft einlösen.
Der Fokus der INDEPENDENT DAYS|Internationale Filmfestspiele Karlsruhe liegt auf unabhängigen Filmproduktionen aus der ganzen Welt. Gezeigt werden sowohl Kurzfilme als auch dokumentarische und szenische Langfilme sowie ausgewählte mittellange Filme. Die INDEPENDENT DAYS sind eine internationale Plattform für unabhängige Filmschaffende, Filmstudenten und Independent-Film-Label, die zeigen, wie außerhalb großer Filmstudios und TV-Studios mit geringen finanziellen Mitteln großartige Filmwerke entstehen können.
Presseakkreditierungen sind online möglich über: https://www.independentdays-filmfest.com/deutsch/presse/presseakkreditierung
INDEPENDENT DAYS|International Filmfestival Karlsruhe
Alter Schlachthof 17c (Kreativpark)
GERMANY
+49 (0) 721-9338005
id-filmfest@filmboard-karlsruhe.de
www.independentdays-filmfest.com
Filmboard Karlsruhe e. V.
Alter Schlachthof 17c (Filmhaus)
76131 Karlsruhe
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