IHK-Fachkräftereport: Fachkräftemangel bleibt strukturelles Wachstumshemmnis

Der Fachkräftemangel bleibt ein zentrales strukturelles Wachstumshemmnis für die Saarwirtschaft. Zwar wird er von den Unternehmen aktuell seltener als unmittelbares Geschäftsrisiko genannt, eine Entwarnung ist dies jedoch nicht. Vielmehr reagieren viele Betriebe auf eine schwache Konjunktur, hohe Kostenbelastungen, wirtschaftspolitische Unsicherheiten und den anhaltenden Transformationsdruck mit einer zurückhaltenden Personalplanung. Der Rückgang der Einstellungsdynamik ist damit nicht Ausdruck einer verbesserten Arbeitsmarktlage, sondern Folge einer grundlegend veränderten gesamtwirtschaftlichen Situation.

„Der Fachkräftemangel ist im Saarland längst kein konjunkturelles Phänomen mehr, sondern ein dauerhaft strukturelles Problem. Denn auch nach mehreren Jahren schwacher Konjunktur bestehen die Engpässe fort – und sie begrenzen Produktivität, Innovationsfähigkeit und Wachstum. So kommentiert IHK-Hauptgeschäftsführer Dr. Frank Thomé die zentralen Ergebnisse des IHK-Fachkräftereports, der auf einer im November 2025 durchgeführten Unternehmensbefragung von 120 Unternehmen aus allen Branchen und Größenklassen mit rund 42.000 Beschäftigten basiert.

Engpässe und Qualifikations-Mismatch wirken wachstumsbegrenzend

Besonders ausgeprägt sind die Engpässe bei Facharbeitern und Fachangestellten. 41 Prozent der Unternehmen erwarten, ihren künftigen Personalbedarf in diesem Segment nicht decken zu können, weitere 41 Prozent rechnen zumindest mit erheblichen Rekrutierungsschwierigkeiten. Damit sehen über 80 Prozent der Betriebe Einschränkungen bei genau jenen Qualifikationsstufen, die das Fundament für Wertschöpfung und technologische Transformation bilden.

Die betrieblichen Auswirkungen sind erheblich. Knapp 58 Prozent der Unternehmen berichten, dass unbesetzte Stellen ihre Geschäftstätigkeit spürbar oder sehr stark beeinträchtigen. Zwar lehnen gegenwärtig weniger Unternehmen Aufträge wegen fehlendem Personal ab als noch 2023, dieser Rückgang ist jedoch vor allem Ergebnis konjunktureller und transformationsbedingter Anpassungen. Viele Unternehmen richten ihre Auftragsannahme, Produktionsplanung und Investitionsentscheidungen zunehmend an ihren begrenzten Personalkapazitäten aus, verschieben sogar Investitionsvorhaben oder verzichten bewusst auf Wachstumsschritte.

Zugleich verschiebt sich das Problem immer stärker von einem reinen Arbeitskräftemangel hin zu einem strukturellen Qualifikations-Mismatch. 80 Prozent der Unternehmen nennen unzureichende Qualifikationen der Bewerber als häufiges oder sehr häufiges Problem, ergänzt um fehlende Berufserfahrung und eine zu geringe Zahl geeigneter Bewerbungen. Besonders betroffen sind technisch-gewerbliche Tätigkeiten, produktionsnahe Funktionen sowie digital geprägte Qualifikationsprofile entlang der gesamten Wertschöpfungskette.

Unternehmen investieren erheblich in vorhandenes Personal – stoßen aber an strukturelle Grenzen

Die Unternehmen im Saarland engagieren sich bereits in erheblichem Umfang in der Fachkräftesicherung. Mehr als 80 Prozent investieren verstärkt in Weiterbildung, knapp zwei Drittel bauen ihre Ausbildungsaktivitäten aus. Ergänzend werden flexible Arbeitsmodelle genutzt, ältere Beschäftigte stärker eingebunden und Maßnahmen zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie umgesetzt.

„Die Unternehmen leisten bereits erhebliche Beiträge zur Qualifizierung ihrer Beschäftigten. Diese Eigenanstrengungen stoßen jedoch zunehmend an wirtschaftliche und strukturelle Grenzen. Hohe Arbeits- und Lohnnebenkosten, zunehmende Regulierung und fehlende Planungssicherheit erschweren zusätzliche Einstellungen, Qualifizierung und Investitionen – trotz weiterhin hohen Fachkräftebedarfs. Der Fachkräftemangel ist damit nicht nur ein Arbeitsmarktproblem, sondern zunehmend auch ein kosten- und investitionspolitisches Problem mit gesamtwirtschaftlicher Wirkung. Damit die Transformation gelingt, brauchen die Unternehmen verlässliche und praxistaugliche Rahmenbedingungen für den systematischen Kompetenzaufbau“, so Thomé.

Bisherige Fachkräftestrategie greift zu kurz

Die Fachkräftestrategie des Landes setzt vor allem auf die Aktivierung endogener Potenziale. Thomé: „Diese Ansätze sind richtig und wichtig, reichen jedoch längst nicht mehr aus, um die strukturellen Fachkräfte- und Qualifikationslücken im Saarland zu schließen. Trotz erheblicher Anstrengungen der Unternehmen bestehen insbesondere in technischen, produktionsnahen und digital geprägten Funktionen weiterhin Engpässe – heute und in Zukunft. Zugleich verfügt das Saarland bislang nicht über eine tragfähige Strategie zur internationalen Fachkräfteanwerbung, insbesondere jenseits des EU-Binnenmarktes. Dies macht eine strategische Neuausrichtung der Fachkräftesicherung zwingend erforderlich“.

Klare Erwartungen an die Landesregierung

Aus Sicht der IHK Saarland muss die Landespolitik der Fachkräftesicherung eine deutlich höhere Priorität einräumen und diese als zentrale wirtschaftspolitische Steuerungsaufgabe begreifen. Angesichts der strukturellen Dimension des Problems reichen Einzelmaßnahmen oder Projekte nicht aus. Erforderlich ist ein ganzheitlicher und langfristig ausgerichteter Ansatz. Das heißt im Einzelnen:

Erstens muss das vorhandene Arbeitskräftepotenzial besser ausgeschöpft werden. Die Steigerung der Erwerbsquoten und des Arbeitsvolumens – insbesondere bei Frauen, älteren Beschäftigten und Menschen mit Migrationshintergrund – ist zentral. Mehr vollzeitnahe Beschäftigung und verlässliche Betreuungsstrukturen sind hierfür entscheidende Voraussetzungen.

Zweitens sind alle Bestrebungen und Anreize, das Arbeitsvolumen weiter zu reduzieren, kontraproduktiv. Sinkende durchschnittliche Arbeitszeiten verschärfen bestehende Fachkräfteengpässe und belasten Produktivität, Wettbewerbsfähigkeit und Wohlstand. Hier ist entschlossenes Gegensteuern erforderlich.

Drittens müssen die Übergänge von der Schule in Ausbildung, Studium und Beruf deutlich verbessert werden. Defizite bei Ausbildungsreife und Berufsorientierung sowie hohe Abbruchquoten verlängern Qualifizierungsprozesse, erhöhen betriebliche Unterstützungsbedarfe und führen zu unnötigen Warteschleifen und Kosten. Erforderlich sind verbindlichere Standards bei Basiskompetenzen, frühere und praxisnähere Berufsorientierung sowie leistungsfähige Übergangssysteme.

Viertens braucht das Saarland eine kohärente, langfristig angelegte und operativ wirksame Strategie zur internationalen Fachkräfteanwerbung, die nicht auf den EU-Binnenmarkt beschränkt bleibt. Anerkennungsverfahren, Qualifizierung, Sprachförderung und Integration müssen systematisch miteinander verzahnt und deutlich beschleunigt werden.

Fünftens ist ein zielgerichtetes, professionelles Standortmarketing im Ausland erforderlich. Das Saarland muss als attraktiver Arbeits-, Lebens- und Innovationsstandort international sichtbar werden – mit klaren Botschaften zu Beschäftigungsperspektiven, Lebensqualität und Familienfreundlichkeit. Internationale Fachkräfte entscheiden sich nicht allein für einen Arbeitsplatz, sondern für einen Standort. Diese Entscheidung muss aktiv unterstützt und strategisch begleitet werden.

„Die Landesregierung muss Fachkräftesicherung als zentrale wirtschaftspolitische Steuerungsaufgabe wahrnehmen und den klaren Fokus auf zusätzliche Arbeitskräfte, ein höheres Arbeitsvolumen und passgenaue Qualifikationen setzen. Nur so lassen sich Produktivität, Wachstum und Wohlstand im Saarland dauerhaft sichern“, betont Thomé.

Der IHK-Fachkräftereport steht auf der IHK-Homepage (Kennziffer 470) zum Download zur Verfügung. Direktlink:  https://t1p.de/ptitn

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