Realities Left Vacant

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Eröffnung: Freitag, 10. März 2023, 19 Uhr
11. März – 7. Mai 2023*
Dienstag–Sonntag 12–18 Uhr / Donnerstag 12–20 Uhr
*An Karfreitag, den 7. April 2023, bleibt die Ausstellung geschlossen.

Pressevorbesichtigung: Freitag, 10. März 2023, 17 Uhr, in Anwesenheit der Kurator*innen.
Für Interviewmöglichkeiten mit den Künstler*innen kontaktieren Sie bitte Michaela Richter unter
Telefon: (030) 280 70 20 oder per E-Mail: presse@nbk.org.

Kurator*innen: Layla Burger-Lichtenstein, Arkadij Koscheew

Realities Left Vacant präsentiert Arbeiten von elf internationalen Künstler*innen, die 2022 mit dem
Arbeitsstipendium Bildende Kunst des Berliner Senats ausgezeichnet wurden. Die Ausstellung gibt Einblick in die Vielfalt der individuellen Praktiken und fokussiert zugleich übergeordnete gesellschaftliche Fragestellungen sowie zeitgenössische Bildpolitiken, die die künstlerischen Arbeitsweisen prägen.

Realities Left Vacant bringt Werke zusammen, die sich mit den Infrastrukturen des Sehens und Erlebens auseinandersetzen. Sie richten einen kritischen Blick auf Sehgewohnheiten, die die individuelle Wahrnehmung prägen, sowie auf materielle und immaterielle Strukturen, innerhalb derer sich Koexistenz und Konflikte abspielen. Die in Realities Left Vacant ausgestellten Künstler*innen arbeiten diese Bedingungen als immer schon politisch geprägt heraus.

Kennzeichnend für die gezeigten Arbeiten ist nicht nur eine Beschäftigung mit Fragen von Herkunft, Zugehörigkeit und dem Verhältnis von kollektiver und individueller Erinnerung, sondern auch eine Auseinandersetzung mit dem Einfluss von geopolitischen Konflikten und der globalen Klimakrise auf den Zugang zu Infrastrukturen. Im Rückgriff auf dokumentarische und investigative Praktiken, archivbasierte Recherchen, biografische Erzählungen und mediale Bildpolitiken fordern sie zur Beschäftigung mit Machtstrukturen, kolonialem Erbe und Wertschöpfungsmechanismen auf.

Göksu Kunak setzt sich in der multimedialen Installation Petrol (2022) mit der Petropolitik in der Türkei und Südwestasien in den 1980er und 1990er Jahren auseinander. Die Effekte dieser Politik auf Wirtschaft und Popkultur untersucht Kunak ausgehend vom Lied Petrol von Ajda Pekkan, einer Liebeshymne auf Erdöl, die 1980 beim Eurovision Song Contest vorgetragen wurde. Tekla Aslanishvili erzählt in ihrem dokumentarischen Experimentalfilm A State in a State (2022) von Infrastrukturen der Eisenbahn, die nach dem Zerfall der Sowjetunion dem Systemwettbewerb anheimgegeben wurden und zeichnet ein ambivalentes Bild der sogenannten „Neuen Seidenstraße“. So bieten diese Transportbindeglieder auch Möglichkeiten der Unterbrechung und Sabotage – sei es, um Machtinteressen durchzusetzen oder um ebendiese zu unterwandern. Der von Alina Schmuch gemeinsam mit Maria Ebbinghaus produzierte
Videoessay Amphibische Pfade (2022) beleuchtet die Anpassung von Infrastrukturen an die Auswirkungen des Klimawandels und die zunehmende Bedrohung durch einen steigenden Meeresspiegel. Die Frage nach Angriff, Rückzug oder Anpassung an veränderte Lebensbedingungen rückt dabei in den Fokus. Von zurückweichendem Wasser und dem, was es freigibt, erzählt das Hörstück Speculum Dianae (2022) von Marianna Christofides. Die Uferlinie des heiligen Sees der römischen Göttin Diana, des Lago Nemi in Italien, wird zur Grundlage einer musikalischen Komposition, während der sinkende Wasserspiegel die schwimmenden Paläste des römischen Kaisers Caligula freilegt.

Ökologische Auflösungserscheinungen werden in Arbeiten wie Place (2023) aus der Serie Semantic Fields von Silvina Der Meguerditchian von buchstäblichen Prozessen des Verknüpfens und Aufknüpfens von Verbindungen – in diesem Fall von Wollfäden – komplementiert. Indem die Künstlerin Wortbilder in einzelne Fäden auflöst, die sich in den Ausstellungsraum ergießen, schafft sie Denkanstöße zur Verbindung von Begriff und Welt, von Konzept und Material. Sofia Duchovny spielt mit Auflösungsprozessen anderer Art, indem sie in ihrer Malerei zunächst von Motiven der Zerbrechlichkeit und der Scham ausgeht und diese dann in einer Geste der Negation Schicht für Schicht abschleift. So lenkt sie den Blick auf die gemalte Oberfläche und legt damit auch ihre Konstruktionsprinzipien frei. Die Collagen von Isaiah Lopaz bestehen aus Porträts, digitalen Bildern, Stockfotos und Fotos aus Büchern und Zeitschriften und voll-
ziehen anhand von afrikanischen, Geechee- und Anishinaabe-Kosmologien nach, wie Geschichten, die oft als voneinander getrennte beschrieben werden, sich in der Gegenwart überschneiden und verschmelzen. Afrikanische, Kreolische und First-Nations-Epistemologien und spirituelle Praktiken überlagern hier einander und fließen ein in eine Untersuchung von race, Staatsbürger*innenschaft und Zugehörigkeit sowie Klimawandel, Gender und Sexualität. Die Auseinandersetzung mit dekolonialen Praktiken fußt in Christian Diaz Orejarenas multimedialer Installation auf Recherchen und Workshops, die der Künstler in Kolumbien und in Berlin-Hellersdorf durchführte. Er geht insbesondere dem durch kolumbianische Widerstandsbewegungen geprägten Begriff der „re-existencia“ nach und fragt nach dessen Anwendbarkeit und Potenzial für einen deutschsprachigen Diskurs.

Cornelia Herfurtners Skulpturen untersuchen Gesten des Sich-Schützens im Zusammenhang mit
dem Paragraphen 17a des Versammlungsgesetzes, der Gegenstände, die bei öffentlichen Versammlungen dem Erhalt der körperlichen Unversehrtheit dienen, als „passive Waffen“ einstuft. Mit ihren Arbeiten fragt Herfurtner nach dem Status des öffentlichen Raumes und des Subjektes in einem Land, das Selbstschutz gegenüber potenzieller Polizeigewalt ahndet. Ahu Dural setzt sich mit der Architektur von Berlin-Siemensstadt auseinander, dem Ortsteil, in dem sie aufgewachsen ist und der von den Werkssiedlungen des Elektronikkonzerns Siemens geprägt ist. Ausgehend von Kindheitserinnerungen erschafft Dural Möbelstücke, die an architektonische Elemente von Orten der Sozialisation der Künstlerin erinnern und zugleich das Zusammenspiel von migrantischen Biografien, Architektur und Arbeit vor Augen führen. Die Werkserie Obsessions von Nadja Abt hat die langjährige Faszination der Künstlerin für Romy Schneider als Ausgangspunkt, mittels derer die Künstlerin Mechanismen der Filmbranche sowie die mediale und gesellschaftliche Repräsentation von Weiblichkeit kritisch beleuchtet. Für die Entstehung der Serie ist Abts Beschäftigung mit feministischen Diskursen ebenso zentral wie das Avantgarde-Kino des 20. Jahrhunderts.

Der Titel der Ausstellung ist einer Zeile des Songs The Question Is To See It All (2021) der US-amerikanischen Band Darkside entlehnt. Realities Left Vacant bildet so als Sinnbild einen gemeinsamen Rahmen für die Arbeiten von elf individuell vorgehenden und zugleich einem gemeinsamen Eindruck von gestaltbaren Realitäten folgenden Künstler*innen.

Diskursprogramm

Dienstag, 21. März 2023, 19 Uhr
Radical Futurisms. Ecologies of Collapse, Chronopolitics, and Justice-to-Come
Buchvorstellung und Diskussion mit T.J. Demos (Professor in Art History and Visual Culture,
University of California Santa Cruz)
In englischer Sprache

Ab Dienstag, 4. April 2023
Kritische Infrastrukturen
Online-Paneldiskussion mit Gustav Cederlöf (Umweltgeograf, Dozent, Universität Göteborg),
Sepideh Karami (Architektin, Dozentin, The University of Edinburgh) und Ute Tellmann (Professorin
für Allgemeine Soziologie, Technische Universität Darmstadt),moderiert von Keller Easterling (Enid Storm Dwyer Professor of Architecture, Yale University, New Haven / USA)
In englischer Sprache

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