Parabeln eines General-Superintendenten, die Heilige Elisabeth und männliche Vermutungen – Fünf E-Books von Freitag bis Freitag zum Sonderpreis

Nicht selten geht es ungerecht zu in der Kunst, speziell in Musik und Literatur. Nicht selten gerät jemand, der sich zu Lebzeiten großer Beliebtheit und Wertschätzung erfreuen durfte, schon bald oder etwas später in Vergessenheit – oder zumindest fast. Das gilt auch für Friedrich Adolph Krummacher (1767-1845), einen Mann der Aufklärung und seines Zeichens zuletzt General- Superintendent von Anhalt-Bernburg. Er hatte die Form der literarischen Gleichnisse, der Parabeln, wenn nicht erfunden, so doch kunst- und wirkungsvoll verwendet. Und an eben diese Tradition knüpft der Schriftsteller Volker Ebersbach an, von dem allein vier der insgesamt fünf aktuellen Sonderangebote dieses Newsletters stammen, die wie immer eine Woche lang zum Sonderpreis im E-Book-Shop www.edition-digital.de (Freitag, 04.02. 22 – Freitag, 11.02. 22) zu haben sind. Seine Parabeln erschienen unter dem Titel „Der gestohlene Selbstmord“. Außerdem erzählt Ebersbach „Das Waltharilied“ nach und befasst sich mit den Schicksalen des gelehrten Ritters Rodeger, einem geistlichen Lehrer und Gesellschafters der Heiligen Elisabeth von Thüringen, und einer ungewöhnlichen Frau, die ebenfalls in schwierigen Zeiten lebte. Diese beiden Bücher sind „Das Rosenwunder“ und „Caroline“.

Und damit sind wir wieder beim aktuellen Beitrag der Rubrik Fridays for Future angelangt. Jede Woche wird an dieser Stelle jeweils ein Buch vorgestellt, das im weitesten Sinne mit den Themen Klima, Umwelt und Frieden zu tun hat – also mit den ganz großen Themen der Erde und dieser Zeit. Der Autor des heute vorgestellten Buches befasste sich als einer der ersten DDR-Schriftsteller am Beispiel des Lausitzer Braunkohle-Tagebaus mit damals wie heute brisanten Themen wie Landschafts- und Umweltzerstörung – die es im Sozialismus eigentlich gar nicht geben sollte und nach Ansicht der Herrschenden auch nicht geben durfte.

Erstmals 1976 veröffentlichte Joachim Nowotny im Mitteldeutschen Verlag Halle seinen Roman „Ein gewisser Robel“: Robel, Mensch und Kraftfahrer, Ehemann und Vater, Freizeitmaurer und Hausbesitzer, Stammgast bei Ria, stellvertretender Brigadier und Angehöriger der freiwilligen Feuerwehr nimmt mitten in der Woche frei, um in einer delikaten Angelegenheit die Ärztin zu konsultieren. „Aber kaum hatte unsereins den Fuß vor die Tür gesetzt, da fiel alle Weit über mich her. Da stopften sie mich mit ihren Problemen voll. Hör zu! Ehre das Alter, sei der Jugend ein Beispiel! Nimm das Pferd! Horch die Maschine ab! Hilf, wo nicht zu helfen ist! Verkrafte solche wie die Bohrer! Spiel den Schutzengel für Besoffene! Tröste einsame Weiber! Versteh mich! Entscheide dich! Denk an die hungernden Kinder! Und wenn’s der lumpige Kiebitz war, der wollte was von mir. Aber wenn ich etwas wollte! Da kamen sie zu mir mit ihren Geschichten- Was soll ich damit?“

Das Buch ist ein Höhepunkt in der Tradition des deutschsprachigen Dorfromans und steckt, wie könnte es bei Nowotny anders sein, voller Geschichten, in denen kräftig, unverblümt, hintergründig und humorvoll von den Freuden und Krisen der Menschen in der Lausitz berichtet wird. Das seit 1976 in mehreren Auflagen erschienene Buch ist heute noch so aktuell wie damals. Hier der Anfang, Vorspann und erstes Kapitel:

Vorspann

Wenn nun einer lachen könnte. Nicht unbedingt krachledern und schon gar nicht hämisch oder hinter vorgehaltener Hand. Eher nach dem Motto: Jaja, so etwas gibt’s. Dann dürfte sich die Geschichte vielleicht erzählen lassen. Sie enthält nämlich, das ist nicht zu leugnen, einige delikate Vorgänge. Dem Mann aber, dem sie widerfahren, wäre mit sensationslüsterner Aufmerksamkeit nicht geholfen. Seine Geschichte benötigt das berühmte geneigte Ohr. Und die heiter wiederholte Versicherung, dass dies nun mal alles menschlich sei.

Aber genug der Andeutungen! Setzen wir voraus: Hier hat einer gelacht. In der rechten Art und zudem zur rechten Zeit. Das heißt, da wir nur einen Tag zur Verfügung haben, sehr früh am Morgen. Es ist auch schon etwas gesagt worden.

Kapitel 1

1

Da sitzen oder stehen oder gehen zwei, und der eine sagt zum andern: Ein gewisser Robel. Und es ist nicht sicher, wo es gesagt wird und wer die beiden sind. Es kann Abend oder früh sein, sogar mittags oder sonst irgendwann am Tage oder in der Nacht. Und derjenige, der es sagt, kann männlichen oder weiblichen Geschlechts sein, ebenso der, der es hört. Außer diesem Satz ist überhaupt alles ungewiss. Denn das ist ein Traum. Robel träumt diesen Satz. Und er wird schon dahinterkommen, wer hier so und wann und warum über ihn spricht.

Dann aber erreicht ihn ein Signal aus der anderen Welt, der wirklichen, wie man sagt. Nachbar Waurichs Hahn kräht. Eine Weile liegt Robel reglos auf der Seite und weiß nicht, dass er erwacht ist. Er weiß überhaupt nichts; es hat etwas in ihm aufgehört, aber noch nichts begonnen. Der Traum ist weg. Beim zweiten Hahnenschrei sind ein paar Überlegungen im Kopf, sie stehen vom Vortag an: Die Schuhe zum Schuster! Ein neues Kabel für die Radlampe! Danach breitet sich eine nicht ganz geheure Erwartung in Robel aus: Da war doch etwas fällig, da hatte man doch etwas vor an diesem Tag! Langsam kommt Spannung in die Wadenmuskeln. Robel zieht die Beine an, er will noch Bettwärme und den Rest der Schlafschwere genießen. Aber unmerklich wappnet sich sein Körper für diesen Tag. Er wird Ärger bringen. Und er hat gleich so komisch angefangen. Ein gewisser Robel. Wer hat das nun gesagt?

Man soll früh nicht immer an das Schlimmste denken. Es gibt einen Haufen Möglichkeiten, in dieser Art über Robel zu reden. Theoretisch ein paar Millionen Möglichkeiten. Jeder in diesem Land kann einen Menschen seines Namens kennen. Aber dieser eine Robel hat geträumt. Also wird es um ihn gehen. Praktisch gesehen kennen ihn vielleicht ein halbes Tausend. Unter ihnen wieder gibt es ein halbes Hundert, denen er ein Begriff ist. Die würden sich nicht so unbestimmt ausdrücken. Die würden sagen: Der Robel. Prima Kerl. Der Robel, der Arsch! Der Robel von der Forst. Der mit dem W 50. Der Kiesfahrer. So oder ähnlich. In dieser Preislage. Wer sich also unbestimmt ausdrückt, wer sagt: Ein (nicht der) gewisser (wieso das?) Robel!, der muss zu den anderen vierhundertfünfzig gehören. Sekundenlang beunruhigt ihn, dass es so viele sind. Jetzt sind auch seine Rückenmuskeln gespannt. Er wälzt sich auf den Bauch und atmet flach. Hinwiederum: viel Leute, große Auswahl. Zum Aussuchen. Robel denkt sich zwei Frauen, hübsche Frauen selbstredend, junge Frauen, solche aufregenden Wesen, wie sie neuerdings in der Kreisstadt herumlaufen. Wadenlange Röcke und Mäntel vorn geschlitzt. Da kannst du dir deins denken. Du begegnest ihnen überall. Sie kommen aus dem Neubauviertel, das sie für das Werk gebaut haben. Sie sind allein oder mit ihren Männern gekommen und arbeiten dort, oder die Männer arbeiten dort, und sie haben ihre Erwartungen mitgebracht, sie gehen so durch die Straßen und sehen verdammt neuartig aus. Und es kann sein, zwei von ihnen treffen sich an der Bahnhofsbrücke, vermutlich am Zeitungskiosk, und die eine sagt zu der anderen: Nicht viel los hier, ich bin wirklich enttäuscht. Entweder solche jungen Schnakse mit langen Deckhaaren oder die paar älteren Herren mit den berühmten grauen Schläfen, aber kein Mann von Welt dabei. Ich glaube, die trinken zu viel Bier in der Gegend, das vermanscht die Haltung. Und das Mittel-Alter, das eigentlich interessante Alter für unsereins, das sieht so furchtbar angespannt aus, so rackersüchtig, so fußballbesessen, es riecht nach Karnickelstall und guckt an uns vorbei, wo was zu holen ist.

Da hast du recht, könnte die andere sagen, aber es gibt schon Ausnahmen. Neulich habe ich da erst einen gesehen, so einen Schwarzen, um die Vierzig, vielleicht ein, zwei Jahre drunter, der kauft hier seinen Eulenspiegel und die neuesten Abenteuerhefte. Aber den Eulenspiegel liest er gleich hier im Stehn, und zwar von hinten nach vorn; er kann dir minutenlang auf diesen komischen Akt starren, den sie alle vier Wochen drauf haben, und es stört ihn überhaupt nicht, wenn die Leute gucken. Wenn er dann genug davon hat, dann funkeln seine Augen, meine Liebe, da würden dir die Knie weich werden, wenn du das sehen könntest. Kurz und gut: Das ist immerhin ein Mann. Und ich weiß sogar, wie er heißt. Er muss hier am Kiosk abonniert sein, er beugt sich immer runter, sagt seinen Namen. Daher weiß ich ihn. Ein gewisser Robel.“ Und damit zu den ausführlicheren Vorstellungen der anderen vier Sonderangebote dieses Newsletters.

Erstmals 2004 erschien im Boldt-Verlag Winsen/Luhe „Der gestohlene Selbstmord. Parabeln“ von Volker Ebersbach: Die Parabel ist eine kurze, einfache und gleichnishafte Geschichte und kann über leicht nachvollziehbare Vergleiche sowohl religiöse oder moralische als auch philosophische Gedanken veranschaulichen. Ein Beispiel wäre die „Ringparabel“ in Lessings Drama „Nathan der Weise“. Herder nannte seine Parabeln „Paramythien“. Goethe zog ihnen die Parabeln Friedrich Adolph Krummachers (1767-1845) vor, die heute fast vergessen sind. Brechts „Kalendergeschichten“ und seine „Geschichten vom Herrn Keuner“ griffen diese Tradition der Aufklärung wieder auf, und Volker Ebersbach knüpfte an die Parabeln Krummachers an, des General-Superintendenten von Anhalt-Bernburg, an. Hier einige Beispiele vom Anfang dieses lesenswerten Buches:

DIE DREI AUFRECHTEN FLASCHEN

Sieben Flaschen wurden in einer Einkaufstasche durch die Straßen getragen. Aufrecht schepperten sie miteinander, sooft der Einkäufer, der es eilig hatte, denn er war durstig, die Tasche schwenkte.

Als eine Tür hart ins Schloss gefallen war und die Tasche sich senkte, bis sie den Boden berührte, klirrte die eine Flasche: „Lasst uns aufrecht stehenbleiben! Sonst purzeln wir unsanft durcheinander.“

„Ja, ja!“, klapperten zwei andere Flaschen. „Wir bleiben stehen. Auch wir sind aufrechte Flaschen!“

Aber die vier anderen Flaschen ließen sich fallen, wie sie fielen, und da sie alle vier in dieselbe Richtung kippten, zerrte ihr Gewicht die ganze Tasche auf diese Seite und riss von den drei aufrechten Flaschen zwei mit. Der Durstige aber, der nur eben den Flaschenöffner aus der Schublade genommen hatte, griff sich gerade die einzige noch aufrecht stehende Flasche heraus, brach ihr den Hals und leerte sie mit einem Zug.

DER AUSGEZEICHNETE FISCH

Der große weißliche welsförmige Fisch schwamm mit gespreizten Barteln in dem trüben Wasser unruhig hin und her. Umrahmt von tropischen Treibhausgewächsen hatte die weiß gekleidete Kommission sich am Rande des Beckens feierlich zu einer Gruppe aufgebaut. Der Vorsitzende räusperte sich, bat um Verständnis dafür, dass der Preisträger sein Element nicht verlassen könne, und verlas die Urkunde mit der Begründung, wofür der Fisch ausgezeichnet werde: Der Fisch hatte bewiesen, dass es auch unter Wasser regnen könne.

DER GESTOHLENE SELBSTMORD

Als sie wieder ins dunkle Zimmer kam und leise die Tür hinter sich abschloss, sah sie neben dem irdenen Krug, in dem alles vorbereitet war, einen Zettel liegen. Sie war noch einmal zur Toilette gegangen und hatte sich lange von ihrem Spiegelbild verabschiedet.

Im matt durch Laub und Gardine sickernden Schein der Straßenlampe erkannte sie seine Schrift:

Du hast nicht bemerkt, dass ich in der Ecke saß; das Straßenlicht fällt in die andere. Ich sah dich ein Pulver in den Krug schütten und darin verrühren. Ich ahnte, was es war, ich wollte, als du hinausgegangen warst, eigentlich nur daran schnuppem.

Nun habe aber ich es ausgetrunken.

DAS AFRIKANISCHE MÄDCHEN

Ein Ehepaar, dessen Wunsch nach Kindern unerfüllt blieb, adoptierte ein kleines Mädchen aus Afrika. Eines Tages stellte das Mädchen im Spiegel fest, dass seine Hautfarbe viel dunkler war als die der beiden Menschen, die es als seine Eltern kannte. Nun konnte es sich erklären, warum es auf der Straße die Blicke vieler Leute auf sich zog, weshalb diese Blicke zwischen ihm und den Eltern hin und her gingen. Da sah es im Fernsehen Bilder aus einem Land, in dem alle Menschen eine dunkle Hautfarbe hatten, wo es offensichtlich ganz selbstverständlich war. „Ich möchte gern nach Afrika“, sagte das Mädchen, „wo alle Menschen schwarz sind.“

„Aber sieh doch“, entgegnete der Vater, „wie schlecht es den Kindern dort geht!“

„Die Leute haben dort nicht genug zu essen“, fügte die Mutter hinzu.

„Und wenn ich von euch immer genug zu essen bekomme“, fragte das afrikanische Mädchen, „werde ich dann weiß?“

KÜNSTLER

Am Rande einer Tagung hörte ein Künstler zwei Journalisten zu, die sich darüber unterhielten, was bisher zur Sprache gekommen war. Die Tagung behandelte die Rolle der Kunst in der Marktwirtschaft, und man saß bei einem leckeren Frühstück. Der eine Journalist fragte, die Klagen der Künstler zusammenfassend: „Was wollen diese Künstler eigentlich? Mozart ist doch auch arm gestorben!“

Da fragte der Künstler, der geschwiegen hatte: „ Wer war eigentlich Mozart?“

DER SCHALTER

Er wollte nicht mehr leben. Alle Arten, sich umzubringen, waren ihm zuwider. Sich aufzuhängen war ihm schändlich, auf Eisenbahnschienen sah er sich als geköpften Hampelmann, Gift schien ihm nicht zuverlässig genug. Die Pulsadern aufschneiden – ach, das viele Blut, und es würde lange dauern, man würde ihn zu früh finden. So oft er darüber nachdachte, fand er, es sei eines der schwierigsten Vorhaben im Leben, sich selbst zu töten, wenn nicht überhaupt das schwierigste. Aber er wollte sterben.

Sterben? Hier lügt die Grammatik, dachte er, die es möglich macht, zu sagen, als wäre das etwas, was man selbst tut: Ich sterbe. Da hörte er eine Stimme hinter seinem Ohr sagen: Du hast doch einen Schalter! Du kannst dich einfach ausknipsen. Schau nach, unter der linken Achsel hast du einen Schalter. Damit kannst du es mit der rechten Hand tun.

Er zog sein Hemd aus und schaute sich unter die linke Achsel. Tatsächlich! Warum war ihm das noch nicht aufgefallen? Wieso hatte er davon noch nichts gespürt? Zwischen den Achselhaaren ragte aus seiner Haut ein hornartiger Auswuchs, gebettet in eine ovale Falte. Der Auswuchs erwies sich der Fingerkuppe als hart, und bei leichtem Druck wackelte er ein wenig in der Weise von Schaltern, die nur auf einen stärkeren Druck warten, um mit dem Klick in die andere Stellung zu kommen, von Ein nach Aus. Zugleich erschrak er. Der Schalter hätte ja nachgeben können. Er hätte längst aus Versehen sterben können, durch irgendeine unachtsame Bewegung. So schnell wollte er das aber nicht abgemacht haben. Wer sagte ihm denn, ob er sich wieder anknipsen könne, wenn er sich einmal ausgeknipst hatte? Überhaupt! Wie leicht ließe sich womöglich der Schalter auch künftig ungewollt betätigen, wenn er den Arm ruckhaft bewegte oder sich in der linken Achselhöhle kratzte?

Dann überkam ihn eine große Ruhe über die Möglichkeit, dass er sich einfach würde ausknipsen können, wann er wollte, ja es stimmte ihn sogar heiter und frohgemut, den Augenblick selbst zu bestimmen. Denn es gab doch noch einiges zu tun. Da war ein Brief zu beantworten, eine Überweisung auszufüllen, der Arbeitsplatz aufzuräumen, der Kanarienvogel zu füttern, die Palme zu gießen, ein Telefonat zu erledigen. Das Buch dort auf dem Tisch las sich eigentlich ganz gut. Die vielen CD’s! Er brauchte nur eine auszuwählen und einzulegen und hatte mit einem Klick die Ohren voller Harmonien. Das Essen von gestern im Kühlschrank empfahl sich, in der Pfanne aufgewärmt, als Leckerbissen, zur Feier des Tages mit einem Glas Wein dazu. Am Abend der Fernsehfilm, am Sonntag die Ausstellung. Am Montag würde er sich bei der Zusammenkunft, die ihn jetzt schon so verdrießlich stimmte, endlich noch durchsetzen. Und die Frau, die er so lange nicht gesehen hatte – vielleicht lag die Schuld doch bei ihm? Er brauchte nur um Verzeihung bitten. Sie wartete wohl darauf. Oder nicht? Gewiss nicht. Und dann hatte alles keinen Zweck mehr, der Brief, der Arbeitsplatz, der Kanarienvogel, die Palme, das Telefonat, das Buch, die Musik, das Essen, der Wein, der Film, die Ausstellung, sich durchsetzen …

Er tastete mit dem rechten Zeigefinger unter seine linke Achsel. Der Schalter war weg.“

Erstmals 1987 erschien im Verlag Neues Leben Berlin „Das Waltharilied. Nacherzählt von Volker Ebersbach“: Am Hof des Hunnenkönigs Attila lebt Walther von Aquitanien. In jugendlichem Alter kam er als Geisel hierher, ebenso Hildegund und Hagen. Als Hagen flieht, sinnen auch Walther und Hildegund, die einander versprochenen Königskinder, auf Rückkehr in die Heimat, und bald darauf machen sie sich davon samt einem großen Goldschatz. Sie ziehen durch dichte Wälder und überqueren breite Flüsse. Schließlich gelangen sie in das Land König Gunthers, dem Hagen dient. Dieser König nun, betört vom Gold, wählt zwölf seiner tapfersten Krieger aus, um Walther den Schatz und das Mädchen abzujagen. So kommt es zur legendären Schlacht am Wasgenstein. Viele kühne Recken müssen ihr Leben lassen für die Beutegier eines Königs, der, weil er zu keiner friedlichen Einigung bereit war, selbst nur verstümmelt den Kampfplatz verlassen kann. Und so beginnt die Nacherzählung:

  1. ATTILAS RAUBZUG

Europa galt den Menschen des Mittelalters als der dritte Teil des Erdkreises. Viele Völker mit vielerlei Namen, verschiedenen Sprachen und Sitten bewohnten ihn. Während sie in ihrer Lebensweise weit voneinander abwichen, während die einen noch rau, einfach und karg dahinlebten, die anderen aber schon einer verfeinerten Gesittung folgten und sich gediegene Bildung zu eigen machten, fühlten sich alle verbunden durch die christliche Religion.

Unter ihnen lebte im Land Pannonien ein Volksstamm, den die meisten gewöhnlich die Hunnen nennen. Dieses Volk, tapfer und waffengewandt, erstarkte so sehr, dass es sich nicht nur die an sein Gebiet angrenzenden Landstriche unterwarf, sondern bis an die Gestade des Ozeans vordrang. Reiche, die um Frieden flehten, mussten sich in Verträgen zu Abgaben verpflichten, und wer Widerstand leistete, wurde grausam niedergemetzelt. Es schien, als könnte die Herrschaft der Hunnen tausend Jahre dauern.

Zu dieser Zeit herrschte König Attila. Rastlos war er bemüht, den Ruhm seiner Vorfahren zu erneuern und zu übertreffen. So setzte er seine Heerscharen in Marsch und gab Befehl, in das Land der Franken einzufallen.

Auf hoher Feste lebte dort im Vollbesitz seiner Macht König Gibicho. Ihm war gerade ein Sohn geboren worden, sehr zu seiner Freude, und er nannte ihn Gunther.

Angst packte den König, als würden ihm die Ohren durchbohrt, da er die Botschaft vernahm, der Keil des feindlichen Heeres habe die Donau schon überquert und es sei zahlreicher als die Sterne des Himmels und die Kiesel des Flusses. König Gibicho traute dem Waffenglück und der Stärke seines Kriegsvolkes nicht. So rief er seine Getreuen zusammen und fragte sie um Rat, was zu tun sei. Alle waren eines Sinnes: Man solle einen Vertrag anstreben und die Hand des Feindes, unter welchen Bedingungen er sie auch biete, um des Friedens willen annehmen, Geiseln stellen, wenn es nötig wäre, und den geforderten Tribut zahlen. Das wäre immer noch besser, als die Heimat zu verlieren und Frauen und Kinder aufzuopfern.

Ein junger edler Kriegsmann war damals Hagen von Tronje, hervorgegangen aus einem der vornehmsten Geschlechter des uralten Troja. Da nun Gunther noch nicht das Erwachsenenalter erreicht hatte und noch zu zart war, um die Mutter entbehren zu können, wurde beschlossen, statt seiner Hagen mit einem unermesslichen Schatz an Gold und Juwelen zu König Attila zu schicken. Unverzüglich machten sich die Gesandten auf die Reise und brachten den Tribut und den jungen Hagen zu Attila, baten um Frieden und besiegelten den Vertrag.

Zur selben Zeit regierte im Land Burgund König Herrich mit strengem Zepter. Er hatte nur eine einzige Tochter mit Namen Hildegund. Sie war überaus edel und schön von Gestalt. Dereinst sollte sie als ihres Vaters Erbin im Thronsaal sitzen und sich des lange angehäuften Reichtums erfreuen.

Kaum hatten die Hunnen, auch Awaren genannt, mit den Franken Frieden geschlossen, wichen sie aus dem Land. Alsbald führte Attila seine Scharen weiter mit verhängten Zügeln, um in ein noch unberührtes Gebiet einzufallen. In gleich großen Abteilungen, die einen langen Heereszug bildeten, zogen sie dahin. Die Erde erdröhnte vom Hufgetrappel der Rosse, und die Luft erzitterte vom Geklapper der Schilde. Der eiserne Wald der Lanzen wanderte schimmernd durch die Felder, nicht anders, als erglänzte am Morgen das Meer im fernen Widerschein der aufsteigenden Sonne. Weder die Saone noch die Rhone hielten den Feind auf, und überall plünderten seine Horden.

König Herrich saß auf seiner Burg zu Chalon, als der Späher hoch auf dem Turm, weit das Land überblickend, ausrief: „Was bedeutet wohl die dichtgeballte Staubwolke, die dort aufsteigt? Der Feind naht mit Macht! Schließt sogleich alle Tore!“

Der König aber, der längst wusste, wie sich die Franken verhalten hatten, rief die Ältesten alle zum Rat zusammen und sprach: „Wenn ein so unerschrockenes Volk wie die Franken, mit denen wir uns nicht vergleichen können, sich den Hunnenscharen Pannoniens gebeugt hat, woher nähmen dann wir wohl die Kraft, den Kampf zu wagen und unsere geliebte Heimat zu verteidigen? Besser wäre es doch, wir gingen ein Bündnis ein und zahlten Tribut. Ich habe eine einzige Tochter und zögere nicht, sie für unser Land hinzugeben, wenn die Horden nur weiterziehen, wie es solche Abmachungen vorsehen.“

Gesandte begaben sich völlig ohne Waffen zum Feind und unterbreiteten das Angebot, das ihnen ihr König aufgetragen hatte, und sie flehten inständig, vom Plündern abzulassen.

Attila, das Oberhaupt der Hunnen, nahm wie gewohnt solcherlei Bitten entgegen und sprach: „Mehr ist mir daran gelegen, Verträge zu schließen, als mich mit gemeinem Kriegsvolk herumzuschlagen. Die Hunnen wollen lieber in befriedeten Ländern die Herren sein. Aber die Waffen werden sie, wenn auch widerwillig, erheben gegen jeden, den sie bei Vorbereitungen zum Aufruhr antreffen. Der König soll zu mir kommen. Wenn er uns Frieden anbietet, wird ihm Frieden gewährt.“

Der König Herrich zog also zu Attila und brachte ihm ungezählte Schätze. Er schloss mit den Hunnen ein Bündnis und ließ ihnen seine Tochter als Geisel. So wurde Hildegund, die Schöne, das Kleinod ihrer Eltern, als Unterpfand des Friedens der Fremde überantwortet.

Kaum waren alle Bedingungen erfüllt und der Tribut entrichtet, warf Attila seine Heerscharen weiter gen Westen. Dort herrschte König Alpher über das Reich Aquitanien. Der hatte, so war allgemein bekannt, einen männlichen Nachkommen, einen Sohn im blühenden Jünglingsalter, strahlend schön von Gestalt. Beide Könige, Herrich und Alpher, hatten einander geschworen, Sohn und Tochter zusammenzugeben, sobald sie das Alter erreicht hätten, um zu heiraten.

Als nun Alpher erfuhr, sowohl die Franken als auch Burgund hätten sich den Hunnen unterworfen, erzitterte sein Herz in übergroßer Besorgnis. Denn es schien ihm ganz hoffnungslos, sein Land mit Waffengewalt zu verteidigen.“

Erstmals 2007 veröffentlichte Volker Ebersbach seine Erzählung „Das Rosenwunder“ als Sonderheft 5 der Winsener Hefte. Literarische Mosaiksteinchen. Hans Boldt Literaturverlag Winsen/Luhe: Der gelehrte Ritter Rodeger war der Überlieferung nach ein geistlicher, allerdings nicht als Mönch geweihter Lehrer und Gesellschafter der Heiligen Elisabeth von Thüringen. Er musste ihren Gemahl, den Landgrafen Ludwig IV. von Thüringen, auf dem Kreuzzug, zu dem der Stauferkaiser Friedrich der Zweite aufgerufen hatte, als Gefolgsmann begleiten und damit Platz machen für den glaubenseifrigen, der Inquisition nahestehenden Kleriker Konrad von Marburg. Der vorliegende Text besteht aus zwei Kapiteln des bisher noch nicht veröffentlichten Romans „Wildnis des Herzens“. Belauschen wir eine kleine Plauderei:

„I

Ein wenig plaudern wollen sie heute wieder unter dem doppelten Rundbogen des Zwillingsfensters. Der ruht auf einer Doppelsäule und einem Doppelkapitell aus Ähren und den Köpfen auf deren Körner lüsterner Vögel. Der Bogen trennt die beiden Herren, wie sich‘s schickt, den Herrn Landgrafen und den Herrn Magister Disciplinac Spiritualis der Frau Landgräfin, und er verbindet sie, wie sie es wünschen, sooft sie plaudern. Ein Turmfalke huscht schreiend übers Dach.

– Wenn die Blüte vorbei ist, sagt Herr Ludwig, fängt das Laub an, alt zu werden

– Aber die Kletterrosen! Magister Rodeger von Serimunt atmet tief ein. – Die Kletterrosen, die Frau Elisabeth zu ihrer Hochzeit unter den Wendelstein gepflanzt hat, sind gerade erst erblüht! Zu eurer Hochzeit waren …

Unten breiten sich Wälder im Junimittag, sonnenduftig grün. Ihre Stämme schimmern aus dem Dunkel des Wipfeldaches, wo die Rodung endet. Vogelrufe sind seltener geworden. Aber Falken schreien um die Türme. Die Burgmauern umspielt kaum ein Lüftchen; doch scheinen hangab, hangauf die Eichenkronen in einer schwimmenden Bewegung. Die Nässe des Regens, der bis zum Morgengrauen fiel, trägt, von der Sonne angezogen, ihren Geruch herüber. Starr, und doch wie Federn leicht, schwindet die Ferne in immer flauerem Blau. Ein Glanz liegt in der Luft! In einer Menschenseele, die gleichfalls wie ein Hauch ist, leuchtet es bisweilen so.

Herr Rodeger bleibt still. Er ist so gut wie abgesetzt. Man sagt es ihm nur nicht. Als er vor Jahresfrist mitmusste zum Hoftag Kaiser Friedrichs in Cremona, wurde dem anderen die Kemenatentür geöffnet, Herrn Konrad von Marburg. Was wird nun aus der edlen Treue? Ach! War sie edel?

Er hätte in Italien bleiben können. Herr Ludwig hat ihn nicht gedrängt, wieder die Alpen zu übersteigen und erneut die Wartburg zu beziehen, wo dieser andere, dem nicht der Makel des fehlenden Gelübdes anhängt, schwerlich zu entlassen war. Herr Konrad hat der Welt entsagt, Herrn Konrads Haupt ist, wenn die Stoppeln nicht zu lang nachwachsen, von der Tonsur des Mönchs erleuchtet. Herr Rodeger ist nur der gelahrte Ritter, der Feinde töten kann und dennoch hinter Klostermauern gescheit wurde, gescheit in geistlichen Dingen, in weltlichen desgleichen. Die Schwertleite gilt nichts im Amt des Betens und das Gelübde alles.

War dies der Weg, den ihm das Schicksal wies? War es Unruhe, die ihn wieder in Ludwigs Gefolge trieb, Unruhe, dass Elisabeth des strengeren Beichtvaters nicht froh würde und er sie nicht von ihm befreien konnte? War es nur ganz irdische Sehnsucht nach dieser Frau, ein Sehnen, das sich schamhaft verhüllte mit dem Gewand einer Sehnsucht nach der Hohen Frau? Sehnen darf er sich nach ihrer Hoheit. Ist Sehnsucht nach der Frau dabei, fühlt er sich nicht mehr ihrer würdig. Was ihm die Pflichten stets angenehm gemacht hat, und wohin ihn seine Worte gelegentlich entführten, ist ganz scheußlich wider alle Pflicht, auch wenn es ein Geheimnis blieb. Er möchte flüchten. Da kommt es ihm gerade recht, dass sein Herr das Kreuz genommen hat. Und das zu denken ist so traurig wie das Lied über Tristan, das – mehr als zehn Jahre ist es her! – an diesem Hof ein Dichter sang, an jenem ersten Abend im knospenduftenden April, gleich nach der Ankunft, wie um den Ahnungslosen im Land der lichten, violetten Buchenforste als ein anderes Opfer unerlaubter Minne zu begrüßen.

In diesen Gedanken fällt Herrn Ludwigs Frage: – Willst du nicht bleiben? Elisabeth braucht Schutz.

Keine Antwort. Es wird kein Plaudern heute. Wie gute Freunde konnten sie auch immer schon vorzüglich miteinander schweigen.

Noch ein Mondwechsel, und sie ist zwanzig. Für Rodeger steht fest: Elisabeth war eigentlich gemeint, als Ludwig eben über das Laub feststellte, was man nicht sehen kann und doch einsehen muss. Sie trägt unter dem Herzen das dritte landgräfliche Kind, im sechsten Mond, hat sie gesagt. Gestern war das. Da hatte wohl wirklich etwas Welkes gelegen im Blick ihrer hellbraunen, bernsteinhellen Augen. Rodeger wollte es scheinen wie ein Bedauern: Nun sah ihr geistlicher Begleiter und Vertrauter schon wieder einen Beweis dafür, dass in der angeblich keuschen Ehe mit Herrn Ludwig doch bisweilen etwas vorfiel, und fragte sich, nur sich allein, worin die Keuschheit dieser Ehe also bestand. Über ihr erstes Kind hat sie ein einziges Mal gesagt, es sei von Gott, und dies undeutlich genug, damit es nicht anmaßlich klänge der Heiligen Jungfrau Maria gegenüber. Wie gern hätte Herr Rodeger geglaubt, es sei der Herrgott und kein anderer, der Elisabeth unter dem blauen Gewand beiwohnte.

Schutz vor wem, wäre bei Herrn Ludwig zu erfragen. Doch Gegenfragen sind gar nicht höflich. Und Elisabeth ist bestens versehen mit allem, was eine Frau zu ihrem Schutz benötigt. Weshalb spricht Ludwig heute dermaßen heikel! Will er die rot geweinten Augen, seine und ihre, ungesehen machen? Herrn Konrad wird er meinen und seine Art, die Frau Landgräfin zu loben: Ihre guten Werke machten sie Gott wohlgefällig. Dagegen hilft sie sich mit ihrer Art, heftig und knapp den Kopf zu schütteln, und mit dem Satz: Ich tu‘s aus Liebe, nicht um Gott zu gefallen, und auch, dass ich lieben kann, ist nichts als Gottes Gnade.

Alles kommt allein daher: Herr Ludwig hat das Kreuz genommen. Das Kreuz, das der blutjunge Landgraf von Thüringen vergangenen Herbst in Aachen an Karls des Großen Grab genommen und aus dem Dom getragen hat, war schwer wie Christi Kreuz. Das Juwel, das er an seiner Stelle in einem Kasten sorgsam versteckt gehalten hat, ist leicht, fast wie ein Amulett. Der Abschied macht es seinem Herzen nun so schwer wie das Kreuz Christi, das Kreuz und seinen Ruf ins Heilige Land, schwer wie das blaue Eisen dieses abgeregneten und ausgeweinten Himmels. Heute ist der Himmel blaues Eisen, das Eisen einer Rüstung, nicht blaue Seide, blauer Samt. Die fromme Aventüre, die Pilgerfahrt in Waffen ist beschlossen.

Doch auch Frau Elisabeth hat etwas verborgen gehalten und verbirgt es immer noch; nicht einmal Frau Isentrud von Hörselgau, die Erste Kammerdame, weiß etwas davon. Nur Rodeger hat es gesehen, befugt sogar: Ihm hat sie es gezeigt, weil eben der Deckel offen stand, als er eintrat: Das Witwengewand, das in der Reisetruhe ruhen soll bis an die Landesgrenze, bis sich der Tross der Ritter und Elisabeths Begleitzug trennen.

– Ich will es tragen, hat sie mit diesem welken Blick gesagt, bis ich meinen Ludwig wiedersehe, oder für den Rest meines Lebens!

Was er gesehen und gehört, wird er seinem Herrn nicht sagen; nicht einmal daran denken will er mehr. Die Angst macht alt, nichts weiter. Die Angst, dass Ludwig bei den Sarazenen umkommt.

Herrn Konrad von Marburg ist es leicht gefallen, das auszusprechen: – Wenn Euer Gemahl nicht wiederkehrt, so habt Ihr ihn für Gott hingegeben.

– Für Gott? hat Frau Elisabeth gefragt. – Gott begehrt keine Gabe. Den Armen sollen wir geben.

Wenn Ludwig umkommt, sagt sich Rodeger, und das Witwenschwarz flort wieder vor seinen Augen wie gestern in der Stunde, als der Landgraf unten im Tal zu Eisenach im Kloster Sankt Katharinen von seiner Mutter Abschied nahm, bei den Zisterzienserinnen, unter denen Sophie, die landgräfliche Witwe, seit zehn Jahren lebt.

Wenn Ludwig umkommt, ist es allein meine Schuld. Denn das Drängen zu diesem Aufbruch, nun endlich, nach vielem Zaudern, fast überstürzt, schon morgen, war das einzige, worin Rodeger dem finsteren Kreuzzugsprediger, dem Schrecken aller Ketzer, Herrn Konrad, beigepflichtet hat. Es war ein kalter Schluss seines klaren Verstandes gewesen, allein das geistliche Ansehen des Herrn Landgrafen betreffend. Kalt blieb dazu auch sein Herz.

Fort will er, eigentlich nur er, fort von der Wartburg, fort aus Deutschland, nach Italien, in die Stadt Cremona, und schauen oder, besser, nur hören, ob er einer der schutzlosen Schwestern oder – das wäre schon wieder zum Lachen – beiden gegenüber Pflichten hat. Bliebe ich aber, nur um Frau Elisabeth vor Herrn Konrads gestrenger Gottgefälligkeit zu schützen – wer schützte Elisabeth vor mir? Und mich vor ihr? Auf die Probe hat Herr Ludwig ihn niemals gestellt, und wäre es auch nur mit einem verfänglichen Gefrage. Doch keusch denken und fühlen heißt nicht unwissend sein. Da gibt es nichts weiter zu ahnen. Ein Mann setzt des anderen Begehren ganz einfach voraus. Sonst wäre Herr Ludwig nicht Mann, Ehegemahl und Vater.

Laut sagt Rodeger: – Der Herr wird sie schützen.“

Erstmals 1987 erschien im Mitteldeutschen Verlag Halle – Leipzig der Historische Roman „Caroline“ von Volker Ebersbach: Man schreibt das Jahr 1793. Frauen und Kinder verlassen das von Preußen und seinen Verbündeten belagerte Mainz. Preußische Posten halten sie an, durchsuchen sie und schicken sie unter Bewachung nach Frankfurt. Sie werden der aktiven Beteiligung an der Errichtung der Mainzer Republik verdächtigt. Man bringt alle Insassen der Kutsche auf die Festung Königstein im Taunus. Eine schwere Zeit beginnt für Caroline und ihre Tochter. Erst nach Monaten kommen sie frei.

Eine Episode im bewegten Leben einer ungewöhnlichen Frau, deren Schicksal in einem so spannenden wie unterhaltsamen Roman erzählt wird. Caroline Michaelis, verheiratete Böhmer-Schlegel-Schelling, hat auf ihre Zeitgenossen großen Einfluss gehabt. Die deutsche Romantik, besonders in ihrer frühen Phase, ist ohne sie kaum zu denken. Berühmte Dichter und Schriftsteller sprachen mit ihr und schätzten ihre Briefe. Goethe und Schiller waren ihre Gäste; G. Forster, die Brüder Schlegel, Novalis, Herder und Schelling suchten ihre geistvolle Gesellschaft. Caroline wurde ebenso verehrt und geliebt wie angegriffen und verachtet. Volker Ebersbach gestaltet ihre Geschichte in einem historischen Roman mit großer Sachkenntnis und tiefem Einfühlungsvermögen. Und gleich von Anfang an ist man als Leser mittendrin in der doch so weit zurückliegenden Geschichte – als wär es Gegenwart:

„Ein Buch, das von Caroline Michaelis-Böhmer-Schlegel-Schelling erzählt, muss auch eine lange Reihe mehr oder weniger bekannter Zeitgenossen berühren, die ihr auf unterschiedlichste Weise nahekamen. Wie sie aussehen, sich bewegen, sprechen, denken, fühlen, das kommt, soweit Briefe und andere Zeugnisse nicht eindeutig darüber Auskunft gegeben haben, aus dem Ermessen des Verfassers, der weder die ganze Objektivität einer Biografie anstreben noch die volle Freiheit eines Romans ausschöpfen wollte. Die Erfindung lässt sich von Vermutungen leiten, wo verbürgte Überlieferung stumm oder verschwommen bleibt. Es sind die Vermutungen eines Menschen, der rund zwei Jahrhunderte später lebt, und es bleiben bei aller Einfühlung die eines Mannes.

  1. DIE UNIVERSITÄTSMAMSELLEN

Kritische Nachbarschaften

Die Kerzenflamme blendet. Ihr Spiegelbild in der Fensterscheibe hält das Auge beliebig lange aus. Der blaue Morgenschimmer dahinter verbirgt, ob der Tag wolkig oder heiter wird. Caroline ist im Dunkeln aufgewacht. Ein großer Hund war mit rollenden Augen von der Straße hereingekommen und hatte mit wenigen gierigen Bissen ihren Geburtstagskuchen aufgefressen. In ihren Schrecken fielen fünf dunkle Glockenschläge von der Johanniskirche, die helleren von der Marienkirche folgten, die harten der Jakobikirche wehten aus der Ferne herüber. Da hat sie die Kerze angesteckt und über den Traum nachgedacht. Der gefräßige Hund bedeutet, dass sie ihren Geburtstag zu wichtig nimmt. Sich selber zu wichtig zu nehmen, davor warnt die Mutter sie oft. Sie soll sich nicht so lebhaft ausmalen, wer zu Besuch kommt und was man ihr schenken wird. Besonders ein Mädchen soll sich nicht wichtig nehmen. „Die Leute kommen nicht nur zu dir!“

Sie rätselt aber doch, wer ihr zuerst gratuliert. Die Geschwister schlafen. Lotte hat sich, als das Zündholz aufleuchtete, zur Wand gedreht. Philipp atmet kaum merklich; manchmal zucken seine Fäustchen. Louise, die Jüngste, schläft noch drüben bei der Mutter. Oben knarren die Dielen. Macht sich der Vater schon zwischen seinen Bücherstapeln zu schaffen? Ein Fuhrwerk rumpelt über die Straße Vor der Mühlenpforte, entfernt sich in Richtung Lederhof; hohl tönt unter den Rädern die Brücke über die Neue Leine. In den Höfen auf der Marsch krähen die Hähne.

Die Tür geht auf. Eine zerknitterte Nachthaube, der verschlafene unfreundliche Morgenblick der Mutter: „Feierst du schon allein?“

„Mir war bange im Dunkeln.“ Sie löscht die Kerze, liegt, wartet, zählt die Stundenschläge der Kirchturmuhren, steht am Fenster, wie gewohnt den Eingang zum Kollegienhof im Auge, das schmiedeeiserne Zaungitter, die beiden Torpfeiler mit den gemeißelten Vasen. Studenten kommen heraus, Lieferanten drängen herein. Man rempelt sich an, ein Schimpfwort fordert das andere heraus: „Pass auf, Sauwedel!“ – „Schandbalg!“ – „Beiseite, Gelbschnabel!“ – „Lies deine Arschwische selber auf, Flöhbeutel!“ Eine Kutsche rattert dazwischen.

Alles Wörter, die man nicht sagen darf. Und doch hört man sie jeden Tag von morgens bis abends. Die Studenten, die im Haus wohnen, werfen sie einander an den Kopf, wechseln sie mit den Dienstboten. Der Student, der Caroline und Lotte unterrichtet, flucht gern, so lästerlich er kann, wenn es der Vater nicht hört. Aber auch dem Vater geht manches Unwort leicht heraus.

Die Mutter hat wieder hereingeschaut und die Tür offengelassen. Das heißt: Jetzt komm, wasch dich, zieh dich an, hilf mir, du bist die Älteste, wenn du Geburtstag hast, gibt es viel zu tun. Gratuliert hat sie nicht. Das Wort Liebe kennt Caroline nur aus der Kirche. Es hat mit dem lieben Gott zu tun, der aber sehr streng ist.

Lotte sitzt im Bett, reibt sich die Augen, Philipp rekelt sich. Luischen steht in der Tür, den Saum des Nachthemdes unter den Füßen, lächelt: „Hast du jetzt Geburtstag?“ Die Kleinste denkt daran!

Da hängt ihr Lotte am Hals: „Alles Gute, alles Gute! Mein Gott, nun bist du schon zwölf!“

Wie sich die kleine Heuchlerin vordrängt. Gestern noch wollte sie Caroline den Geburtstag auf drei Jahre verbieten, um aufzuholen.

Philipp vergisst die Floskel, die ihm eingeschärft worden ist. Er stellt sich breitbeinig hin: „Ich bin sieben!“

Louise klammert sich an Carolines Hüften: „Ich will auch Geburtstag haben!“ Sie stolpert über ihr zu langes Hemd, fällt, weint. Caroline nimmt sie auf den Arm. Es ist eine Plage, Geburtstag zu haben. Die Kleinste ist ihr die liebste. Und gern denkt sie an die anderen, die gesichtslosen Geschwister, die, eilig getauft am Tag nach der Geburt, schon gestorben sind.

Die Zeit, Puppen herumzuschleppen, Puppen zu kleiden, Zuckerwerk zu naschen, ist gerade vorbei. Mit der Kleinen auf dem Arm geht Caroline in Mutters Ankleidezimmer, wo auch ihre Sachen liegen. Die Kinderfähnchen aus gestärktem Leinen sind rasch übergestreift. Aber die Umstände, die Mutter und ihre Zofe mit Reifrock und Brusttüchern, gesteifter Taille und Korsett machen, das Auswählen von Schoßjäckchen und Schleife sind so respektabel, dass auch das Mädchen sich beim Ankleiden Zeit nimmt, in den Spiegel schaut, jedes Fältchen und Bändchen nutzt, um eine Zeremonie daraus werden zu lassen. Der Spiegel ist eine prickelnde Versuchung, aber auch ein schrecklicher Drache. Das Gesicht der Mutter, dem sie darin begegnet, wird ungeduldig, und mit dem eigenen ist sie nicht zufrieden: zu breit, zu rund, die Brauen zu schwach, das Näschen zu flach, die Augen zu feucht, die Lippen zu leicht, die Unterlippe nur etwas voller als die obere. Vom Unterlid bis an die Mundwinkel werden die großen Wangen immer gleich rot, wenn sie sich erregt. Der Ärger über ihr Spiegelbild macht es noch hässlicher. Gilt Mutters mürrischer Blick der Zofe, die ihr mit dem Kamm im Blondhaar die hochgewölbte Stirn nach hinten reißt, ehe sie ihr das Spitzenhäubchen aufdrückt, oder der Tochter, die ihre dunkelbraunen schulterlangen Locken noch einmal und noch einmal zurechtschüttelt? Caroline geht, ehe sie ermahnt wird. Sie kann auch die Puderquaste nicht ausstehen, die gleich ihre weißen Wölkchen durchs Boudoir stäuben wird.

Mutter kleidet sich mehr französisch, Vater mehr englisch. Mutter ist nie gereist und versetzt sich bei ihrer Morgentoilette gern nach Paris. Vater hat lange in London und Oxford gelebt. Seine englischen Manieren sind so geübt wie zwanglos. Er kann eine gewisse Lässigkeit und Großartigkeit nicht verleugnen und will es auch nicht. Aber es käme ihm nie in den Sinn, herauszustellen, dass das englisch ist. Er spottet über Mutters Garderobe, doch er bezahlt sie immer gern, denn der Professor mit dem größten und prächtigsten Haus in Göttingen will wenigstens hoffen, man halte seine Frau für die bestgekleidete. Wenn die Eltern einander morgens im Salon begegnen, geht er manchmal schmunzelnd um sie herum. „Steht ja mal wieder mächtig weit ab, dein cul de Paris! Da könnte der Teufel drauf reiten, und du merkst gar nicht, wen du auf der Weender Straße spazieren führst.“ Einmal hat Caroline ihn über die rückwärtige Erweiterung des Reifrockes philosophieren hören: „Bei anderen Frauenzimmern soll man nicht wissen, was sie damit verbergen, einen Kaninchenpopo oder einen fetten Arsch. Aber du“ – und er nannte sie bei allen ihren Vornamen: Louise Philippine Antoinette – „du hast doch einen ordentlichen Hintern.“

Die kleine Louise ist schon von der Waschschüssel weg zum Vater vorausgelaufen, die knarrende Treppe hinauf in den ersten Stock. Hofrat Johann David Michaelis, Ordinarius für orientalische Sprachen an der Universität, mächtig des Hebräischen und Aramäischen, des Persischen und des Arabischen wie andere des Lateinischen und Griechischen, sitzt, noch unfrisiert, mit langer weißer Tonpfeife und knisternder Zeitung allein am Frühstückstisch. Das Dienstmädchen zieht fast lautlos den Krümelteller, die Tasse, die Kanne und den Brotkorb vom Tisch aufs Tablett; die Konfitüre bleibt wie üblich noch stehen. Der Professor nascht, wenn die Pfeife aus ist.“

Bleibt zu hoffen, dass dieser kurze Ausschnitt Lust gemacht hat auf diesen historischen Roman, vor allem aber auf diese ungewöhnliche Frau, die sich gegen alle Schwierigkeiten und Widerstände selbstbewusst und emanzipiert durchgesetzt und nicht zuletzt ihr Recht auf Liebe stark gemacht hat. Es lohnt sich, mehr über Caroline zu erfahren sowie über und vor allem von Caroline Michaelis-Böhmer-Schlegel-Schelling selbst zu lesen, denn sie war auch eine begnadete und sehr fleißige Briefschreiberin. Dieses Rendezvous mit Caroline sollte man nicht verpassen – egal als Leser oder als Leserin …

Viel Vergnügen beim Lesen, weiter einen schönen Februar und bleiben Sie weiter vor allem schön gesund und munter. Und bis demnächst.

Über die EDITION digital Pekrul & Sohn GbR

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