Zum Ausklang der bundesdeutschen Initiative „1700 Jahre Jüdisches Leben“

Die bundesweite Initiative "1700 Jahre Jüdisches Leben" nähert sich dem Ende. Der Talheimer Verlag präsentiert zum Ausklang eine Neuerscheinung über zwei besondere Denker, die aus der jüdischen Kultur kommen: Die Philosophen Ernst Bloch und Baruch de Spinoza. Wie hat der Ketzer Ernst Bloch den Ketzer Spinoza rezipiert? Was ist aktuell an beiden Verfassern philosophischer Abhandlungen? Warum wurden beide Autoren bekämpft und ausgeschlossen? Auf welche jüdische Traditionen und Bücher stützen sich die Ideen dieser sehr aktuellen Ketzer?

Die Beiträge und Forschungsergebnisse folgen gemeinsam einem Ziel: Die Erhellung – im Rahmen einer globalen Würdigung von Ernst Blochs Leipziger Vorlesungen zur Geschichte der Philosophie – des Bezugs des Autors des Prinzip Hoffnung zu einem der größten progressiven Denker des 17. Jahrhunderts und Vorläufer der Aufklärung, d.h. von Baruch de Spinoza, geboren 1632 in Amsterdam und verstorben im Haag im Jahr 1677. 1656 wegen ‚Ketzerei‘ von der jüdischen Gemeinde in Amsterdam ausgeschlossen, von der religiösen Orthodoxie wie von den Anhängern der Monarchie bekämpft und gemieden wegen seiner kritischen Ideen, die letzten Lebensjahre in Den Haag im Kreise seiner wenigen Anhänger verbringend, konnte er die Veröffentlichung seines Hauptwerks nicht mehr erleben. Viel-leicht verdankt Spinoza der Präsenz verschiedener philosophischer Ansätze und Traditionen in seinem Denken seine große Originalität; hier wurden auf dem Gebiet der Philosophie ‚Brechstangen‘ geschmiedet nicht nur gegen Absolutismus, Aberglauben, Obskurantismus, religiösen Fanatismus und gegen den Dogmatismus der Theologie, sondern auch gegen jegliche Form der Knechtschaft und der Unterwerfung und für die Demokratie. Blochs Interesse an Spinoza erwachte Anfang der 1930er Jahre, als es dem utopischen Marxisten darum ging, dem politischen Irrationalismus des rassistischen und antisemitischen Nationalsozialismus ein weltanschaulich-philosophisches ‚Gegengift‘ in Gestalt eines Rationalismus entgegenzustellen.

Inhalt

Vorwort des Herausgebers

Arno Münster: Ernst Bloch und Spinoza. Zur abenteuerlichen Geschichte einer Vorlesung in Leipzig

Arno Münster: Spinoza und Hegel. Einfluss auf Bloch?

Patricia Trojman-Aïm: Der „Herem“. Spinozas Exkommunizierung von der jüdisch-portugiesischen Gemeinde zu Amsterdam

Patricia Trojman-Aïm: Das Erbe des Talmud in Spinozas Philosophie. Salomon Jarchi, Ibn Ezra und Jehuda Halevy

Matthias Mayer: „Dialektische Umwege“. Neue Quellen und Forschungen zu Ernst Blochs „Leipziger Vorlesungen“

Matthias Mayer: „Dialektische Paarbildung“. Zur Rekonstruktion der verschollenen „Gnosis-Vorlesung“ Ernst Blochs

Bibliographische Hinweise / Angaben zu den Autorin und Autoren

Textauszüge:

Als Ernst Bloch im April 1950 – nach seiner Rückkehr aus dem nordamerikanischen Exil, in dem sein Hauptwerk Das Prinzip Hoffnung entstanden war –, an der Universität Leipzig seine Antrittsvorlesung zum Auftakt des Zyklus „Vorlesungen zur Geschichte der Philosophie“ hielt – er war im November 1949 als Spezialist für diese Sektion im Fachbereich „Gesellschaftswissenschaften“ zum Ordinarius berufen worden –, konnte er absolut nicht ahnen, dass es mehr als 30 Jahre (!) dauern würde, bis diese Vorlesungen  endlich veröffentlicht wurden und dies auch erst vierundzwanzig Jahre nach seinem Weggang aus der DDR und acht Jahre nach seinem Tode in Tübingen am 4. August 1977 – zu seinem 100. Geburtstag. Ebensowenig konnte er wohl voraussehen, dass die Rezeption dieser Vorlesungen, denen er selbst nach seinen mündlichen und schriftlichen Äußerungen dazu, die allergrößte Bedeutung zusprach, erst Ende des 20. Jahrhunderts und zu Beginn des 21. Jahrhunderts, also sehr langsam und schleppend, einsetzte, was u.a. auch zur Folge hatte, dass im Gegensatz zu Blochs anderen philosophischen Werken, diese Vorlesungen auch erst relativ spät in andere Sprachen übersetzt  wurden. Der Band III dieser philosophiegeschichtlichen „Tetralogie“ ist insofern bedeutsam und herausragend, als er alle die Vorlesungen enthält, die Bloch am Institut für Philosophie der „Karl-Marx-Universität“ Leipzig zur Neuzeitlichen Philosophie des 17. und 18. Jahrhunderts gehalten hat, beginnend mit den Vorlesungen über René Descartes , Spinoza  und Leibniz und endend mit der dem Werk von Jean-Jacques Rousseau gewidmeten Vorlesung. (Arno Münster)

Im Gegensatz zum intellektuellen Frankreich, das in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts, vor allem seit den 1970er Jahren, geradezu einen „Boom“ der Spinoza-Rezeption erlebte, die gezielt von dem Kreis um den marxistischen Philosophen Louis Althusser an der Pariser Elitehochschule „École Normale Supérieure“ ausgelöst, begünstigt und gefördert wurde, war die Rezeption des Werks des großen jüdisch-holländischen Philosophen aus dem 17. Jahrhundert im deutschsprachigen Raum relativ bescheiden. Auch setzte sie wesentlich später ein als im Lande Descartes’, Rousseaus und Voltaires, auch wenn Spinoza noch zu Lebzeiten in der Person von Tschirnhaus  auch einen Korrespondenten in Deutschland hatte. Der Druck der Konservativen und der dogmatischen Theologie beider Konfessionen auf den „Freigeist“ aus Amsterdam – Spinoza wurde im April 1656 von der jüdischen Gemeinde wegen seiner „ketzerischen Gedanken und Überzeugungen“ exkommuniziert (herem) und die katholische Kirche setzte seine Werke auf den Index der verbotenen Bücher – war in der Tat so groß gewesen, dass sein philosophisches Hauptwerk, die Ethica more geometrico demonstrata nicht mehr zu seinen Lebzeiten, sondern erst nach seinem Tode am 21. Februar 1677 in Den Haag veröffentlicht werden konnte. (Arno Münster)

Mit seiner Würdigung der „großen Einsamkeit“ des jüdischen Philosophen von Amsterdam, seiner erzwungenen Isolierung und der ungebrochenen intellektuellen Widerstandskraft seines radikalen Rationalismus gegen die konservativ-intolerante Theologie und den Autoritarismus der Herrschenden seiner Zeit antizipiert Ernst Bloch in seinen „Leipziger Vorlesungen“ in der Tat die schwierige Situation der Isolierung, in die er schließlich selbst, ein Jahr nach seiner Spinoza-Vorlesung in Leipzig, im November 1956 durch seinen Konflikt mit der Staats- und Parteiführung der DDR geraten sollte, die ihm nach der Niederschlagung des Ungarischen Volksaufstands „Revisionismus“, „mystische Irrlehren“, „Verirrung in den Idealismus“, „Kritik am Sozialismus“, an der „Partei der Arbeiterklasse“ und der „Staatsführung der DDR“ vorwarf. Freilich liegen zwischen Spinozas „Dissidenz“ und erzwungener Isolierung und derjenigen Blochs in den Jahren 1957‒1961 in der DDR mehr als dreihundert Jahre, was den Vergleich relativiert; dennoch scheint er uns – zumindest zum Teil – gerechtfertigt zu sein, auch wenn der jeweilige politisch-historische Kontext völlig verschieden war; schließlich waren jedoch beide Juden, Verfechter eines kritischen fortschrittlichen Denkens und Opfer engstirniger Dogmatiker. (Arno Münster)

Nun besteht die Originalität der Spinoza-Lektüre Ernst Blochs in den Leipziger Vorlesungen zur Geschichte der Philosophie (Bd. 3) u.a. darin, dass er noch bevor Louis Althusser in Frankreich sich Spinozas Werk zuwendet, ebenfalls den Versuch einer marxistischen Lektüre und Interpretation Spinozas unternimmt, jedoch stets mit einem gleichzeitigen für den Autor des Prinzip Hoffnung charakteristischen „Seitenblick“ auf den „jüdischen Philosophen“ aus Amsterdam, d.h. den ehemaligen treuen und orthodoxen „Talmud-Schüler“, der von 1655 an plötzlich auf Distanz zum orthodoxen Judentum ging, ohne jedoch seine frühere Verwurzelung in der jüdischen Religion zu leugnen. Fasziniert ist Bloch aber auch aus verständlichen Gründen von der „Dissidenz“ Spinozas, d.h. dessen Mut und Aufrichtigkeit, ganz und gar konsequent für seine fortschrittlichen „ketzerischen“ Ideen voll einzustehen, sei es auch um den Preis möglicher Diskriminierungen und Verfolgungen durch die jeweils „herrschenden“ Mächte in Politik und Religion. (Arno Münster)

„Innerhalb der bürgerlichen Ratio“, so Bloch, „ist der Spinozismus zweifellos die äußerste Konsequenz von Verständigkeit, Verstandeshaftigkeit, Gesetzestreue, Gesetzesverehrung, Gesetzesfreude unter Abtun aller Ausnahmezustände. Kalkül, das kaufmännisch geübt werden muß, und Bürokratie, Generalität des juristischen Gesetzes werden hier auf das Naturgesetz übertragen. Das wird reflektiert ins Weltall und gilt dann als fundiert vom Weltall, von Deus sive natura.“  In der spinozistischen Forderung nach rationeller Bändigung der natürlichen Triebe und Affekte, könnte man, worauf Bloch anspielt, eventuell auch einen Sieg der Askese des aufsteigenden Bürgertums über die ungebändigten Kampf- und Herrschaftsinstinkte (Triebe) der Ritterwelt des feudalen Mittelalters sehen. Wie ja u.a. von den Autoren der Frankfurter Schule (Adorno, Horkheimer, Marcuse) unterstrichen wird, hat der protestantische Puritanismus (Luther, Calvin, …) sein Fundament in der Verdrängung und Unterdrückung der natürlichen Triebe. Dem entspricht sozusagen der typisch protestantische „Sozialcharakter“ des fleißigen, arbeitsamen, „sparsamen“, „disziplinierten“ und ordnungsliebenden Bürgers, der mit diesen „Tugenden“ die primäre Kapitalakkumulation erbringt. (Arno Münster)

Das enzyklopädische Wissen dieser Gelehrten wie Rachi, Maimonides oder Ibn Ezra war natürlich für Spinoza ein großes Vorbild, zugleich aber auch Ausdruck einer Frustration insofern als Spinoza, in den Fußstapfen seiner Lehrer und seines Vaters wandelnd, eben nicht so einfach ein Weiser unter den Weisen, ein einfacher und bescheidener Thora-treuer gläubiger Jude bzw. ein Talmid Haram werden konnte. Nein, der Conatus gibt einen Ansporn zum Widerspruch. Um leben zu können, musste sich Spinoza von der Tradition distanzieren und gegen die großen Repräsentanten [dieser Tradition] wie Rachi, Maimonides oder Ibn Ezra beweisen, dass Vernunft und Glauben unversöhnbare Gegensätze sind und dass ein großer Denker nicht gleichzeitig Wissenschaftler und Mystiker, Philosoph und Theologe, Rationalist und Dichter sein kann. (Patricia Trojman-Aïm)

Nicht nämlich ist unter dem „Prinzip Hoffnung“ ein unter Garantie gelingendes gutes Ende der Geschichte zu verstehen – auch sein Verfasser weiß um die Möglichkeit völliger Vernichtung: „Zuletzt also bleibt die wendbare Alternative zwischen absolutem Nichts und absolutem Alles: das absolute Nichts ist die besiegelte Vereitlung der Utopie; das absolute Alles […] die besiegelte Erfüllung der Utopie […]. Triumph des Nichts am Ende ist mythologisch als Hölle, Triumph des Alles am Ende als Himmel gedacht gewesen: in Wahrheit ist das Alles selber nichts als Identität des zu sich selbst gekommenen Menschen mit seiner für ihn gelungenen Welt.“  Dies ist es, was Bloch – mitten im ‚real existierenden Sozialismus‘ sich selbst treu bleibend – am Phänomen Gnosis interessiert: jene Verweisorte der Utopie, „Wunschlandschaft[en]“  der Seele oder „Signaturen der Adäquation“  im Mythos aufzuspüren und deren Identifizierungspotential zu überprüfen, d.h. deren Fähigkeit, Welt und Mensch zu ihrer positiven Bestimmung (= „Heimat“ ) zu führen. (Matthias Mayer)

 

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