Neue Studie

Kurzarbeit stabilisiert in der Corona-Pandemie ganze Branchen, sie hat bislang rechnerisch mindestens eine Million Arbeitsplätze über die Krise gerettet und verhindert, dass zahlreiche Beschäftigte durch Jobverlust drastische Einkommenseinbußen erleiden. Trotzdem ist Kurzarbeit für viele Betroffene eine erhebliche Belastung, knapp die Hälfte verzeichnen deutliche finanzielle Einschränkungen, etwas mehr als die Hälfte haben Existenzängste. Das zeigt eine neue Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung.* So bewerteten 48 Prozent der Kurzarbeiterinnen und Kurzarbeiter ihre finanzielle Situation im November 2020 als stark belastend – diese Quote ist fast viermal so hoch wie unter sozialversicherungspflichtig Beschäftigten ohne Kurzarbeit, etwa anderthalb mal so hoch wie unter Selbständigen und nicht viel niedriger als bei Arbeitslosen. Dabei fühlen sich Kurzarbeiterinnen und Kurzarbeiter, deren Kurzarbeitsgeld aufgestockt wird, spürbar seltener stark finanziell belastet als diejenigen, die keine Aufstockung erhalten. Solche Aufstockungen sind in Betrieben mit Tarifvertrag und/oder Betriebsrat nach wie vor etwa doppelt so häufig wie in Betrieben, in denen Tarifbindung oder betriebliche Mitbestimmung fehlt.

Für ihre Untersuchung, die heute in der Fachzeitschrift "Wirtschaftsdienst" erscheint, werteten die WSI-Forscher Dr. Toralf Pusch und Dr. Hartmut Seifert die dritte Welle der Erwerbspersonenbefragung der Hans-Böckler-Stiftung aus. Dafür wurden im November 2020 mehr als 6100 Erwerbstätige und Arbeitsuchende von Kantar Deutschland online befragt. Dieselben Personen hatten bereits im April und im Juni Auskunft gegeben, so dass Trends im Zeitverlauf analysiert werden können. Die Panel-Befragung bildet die Erwerbspersonen in Deutschland im Hinblick auf die Merkmale Geschlecht, Alter, Bildung und Bundesland repräsentativ ab.

Kurzarbeit habe gesamtwirtschaftlich eine große positive Wirkung, weil sie Beschäftigung sichert und Unternehmen ermöglicht, nach Abklingen der Krise mit eingespielten Belegschaften durchzustarten – ein Aspekt der in Zeiten zunehmend agilen Arbeitens noch an Bedeutung gewinne, betonen Pusch und Seifert. Auch individuell sei die Situation von Beschäftigten in Kurzarbeit besser als die von Arbeitslosen. Dennoch sei angesichts des historisch beispiellosen Umfangs von Kurzarbeit in der Corona-Krise bei etlichen Kurzarbeitenden "mit sich im Laufe der Zeit verschärfenden sozialen Problemen zu rechnen, da finanzielle Rücklagen vielfach bereits aufgebraucht sind und bei immer mehr Personen weiter schrumpfen werden", warnen die Forscher. Parallel zeige die Zustimmung zur wirtschaftlichen Stabilisierungspolitik, die insbesondere bei Kurzarbeitenden mit Aufstockung bislang deutlich höher liegt als bei Arbeitslosen, "Erosionstendenzen".

Bei der Befragung im November gaben rund acht Prozent der Befragten an, in Kurzarbeit zu sein. Hochgerechnet auf die sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Deutschland wären das etwa zweieinhalb Millionen Personen. Durch den "Lockdown Light" waren Beschäftigte im Gastgewerbe mit einer Kurzarbeitsquote von rund 50 Prozent besonders stark betroffen, was wesentlich dazu beitrug, dass Frauen (9 Prozent) etwas häufiger in Kurzarbeit waren als Männer (7,6 Prozent). Leicht über dem branchenübergreifenden Durchschnitt lagen die Kurzarbeits-Anteile bei den Sonstigen Dienstleistungen, der Logistik und im Verarbeitenden Gewerbe (zwischen 10,8 und 9,4 Prozent). Relativ niedrige Quoten von weniger als zwei Prozent wiesen hingegen die Baubranche, die Energie- und Wasserversorgung und die Bereiche Erziehung und Unterricht, Gesundheit und Soziales sowie der öffentliche Dienst auf. Anders als in früheren Wirtschaftskrisen war Kurzarbeit unter Beschäftigten in kleinen Betrieben bis zehn Personen mit einer Quote von knapp 13 Prozent deutlich weiter verbreitet als in größeren. Da der gesetzliche Kündigungsschutz in diesem Bereich nicht greift, hat Kurzarbeit hier eine besonders wichtige Funktion zur Stabilisierung von Beschäftigung.

Fast 60 Prozent der Kurzarbeitenden im November ohne Aufstockung

Rund 42 Prozent der befragten Kurzarbeitenden erhielten im November eine Aufstockung des Kurzarbeitergeldes (KuG) über das ursprüngliche gesetzliche Ausgangsniveau von 60 Prozent des Nettoentgelts (bzw. 67 Prozent mit Kindern) hinaus. Angesichts der langen Dauer der Pandemie sei ein Teil der erhöhten Leistungen darauf zurückzuführen, dass das KuG nach den aktuellen gesetzlichen Regelungen nach vier bzw. sieben Monaten Bezugsdauer automatisch ansteigt, so die Forscher. Eine große Rolle spielten aber gleichwohl weiterhin tarifliche und betriebliche Vereinbarungen für ein erhöhtes Kurzarbeitergeld, konstatieren Pusch und Seifert: "Gute Chancen auf relativ geringe Einkommensverluste haben Kurzarbeiterinnen und Kurzarbeiter in Betrieben mit Betriebsrat oder Tarifbindung." So erhielten von den Kurzarbeitenden in Betrieben mit Tarifvertrag knapp 53 Prozent eine Aufstockung, während es ohne Tarifvertrag lediglich knapp 29 Prozent waren. Noch größer war der Vorsprung in Betrieben mit Betriebsrat (gut 66 Prozent mit Aufstockung) gegenüber solchen ohne betriebliche Mitbestimmung (knapp 26 Prozent; siehe auch Abbildung 3 in der Studie; Link unten).

Ob das KuG aufgestockt wird oder nicht, hat laut den Befragungsdaten einen spürbaren Einfluss darauf, wie problematisch Kurzarbeitende ihre finanzielle Situation einstufen. So berichten knapp 53 Prozent der Kurzarbeitenden ohne Aufstockung, ihre finanzielle Situation sei stark belastend, unter denen mit Aufstockung sehen das knapp 42 Prozent so. Die Gesamtgruppe der Kurzarbeitenden ist mit 48 Prozent weit häufiger finanziell stark belastet als der Durchschnitt aller Befragten mit gut 17 Prozent. Der Anteil liegt relativ nahe bei den befragten Arbeitslosen, die mit gut 55 Prozent am häufigsten finanzielle Belastungen aufweisen, und er ist deutlich höher als bei Selbständigen (30 Prozent), MinijobberInnen (knapp 26 Prozent) und erst recht Sozialversicherungspflichtig Beschäftigten ohne Kurzarbeit (knapp 13 Prozent; siehe auch Abbildung 6 in der Studie).

Die finanziellen Probleme spiegeln sich bei etlichen Kurzarbeitenden in Existenzängsten wider, 53 Prozent berichten davon. Der Anteil ist erneut weitaus höher als unter Selbständigen (knapp 31 Prozent), MinijobberInnen (rund 26 Prozent) und gut dreimal so hoch wie bei Sozialversicherungspflichtig Beschäftigten ohne Kurzarbeit (knapp 17 Prozent). Ein wesentlicher Grund für die häufigen Sorgen um die eigene wirtschaftliche Zukunft dürfte die von rund 44 Prozent der Kurzarbeitenden geäußerte Furcht sein, doch noch arbeitslos zu werden. Diese ist mehr als doppelt so verbreitet wie unter Selbständigen und Minijobbern und sogar gut viermal so häufig wie in der Gruppe der Beschäftigten ohne Kurzarbeit (siehe Abbildung 7).

Trotz der erheblichen wahrgenommenen Belastungen beurteilen Kurzarbeitende die politischen Hilfsmaßnahmen zur Unterstützung der Wirtschaft und zum Erhalt von Arbeitsplätzen im Mittel bislang deutlich positiver als Arbeitslose. Allerdings ist die Zufriedenheit mit der wirtschaftlichen Antikrisenpolitik – wie in allen befragten Gruppen – nach einem Zustimmungshöhepunkt im Juni bis zum November deutlich zurückgegangen. Zudem zeigen sich erneut große Unterschiede: Unter den Kurzarbeitenden mit Aufstockung des KuG äußerten im November gut 48 Prozent Zustimmung – das war der insgesamt höchste Wert, vor Beschäftigten ohne Kurzarbeit und Selbständigen mit jeweils rund 45 Prozent. Unter den Kurzarbeitenden ohne Aufstockung zeigten sich hingegen lediglich 34 Prozent zufrieden. Niedriger fiel die Zustimmung nur unter Arbeitslosen aus (rund 24 Prozent; siehe auch Abbildung 10)

*Toralf Pusch, Hartmut Seifert: Stabilisierende Wirkungen durch Kurzarbeit. In: Wirtschaftsdienst 2/2021. Download:
https://www.wirtschaftsdienst.eu/inhalt/jahr/2021/heft/2/beitrag/stabilisierende-wirkungen-durch-kurzarbeit.html 

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